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Gespräch Auf der Suche nach der passenden Lernumgebung ← zurück

Auf der Suche nach der passenden Lernumgebung

Wie hat sich der Bildungsbau in Österreich im Bereich von Schulen und Kindergärten in den letzten 20 Jahren entwickelt? Wie weit reichen die Ursachen dieser Entwicklung zurück? Und welche Ideen haben sich in der Praxis bewährt? Zu diesen Fragen diskutieren Raphael Eder (Architektur), Isabella Marboe (Architekturkritik), Katharina Rosenberger (Bildungswissenschaften), Harald Schabus (Pädagogik) und Ursula Spannberger (Prozessbegleitung).

Moderation: Barbara Feller und Christian Kühn

Barbara Feller Beginnen wir mit einer allgemeinen Einschätzung: Was waren aus Ihrer Sicht die augen­fälligsten Veränderungen in den letzten 15 bis 20 Jahren?

Katharina Rosenberger Bei diesem Thema muss man bedenken, dass sich in vielen Schulen – baulich – nichts getan hat, nämlich im Großteil jener Schulen, die in schon bestehenden Gebäuden arbeiten und leben, während sich die Zusammen­setzung sowohl des Lehrpersonals als auch der Schüler:innen­schaft deutlich geändert hat und damit neue Heraus­forderungen entstanden sind. Erfahrungen in neu konzipierten und errichteten Gebäuden konnte nur eine Minderheit machen. Als größte Änderung würde ich dabei sehen, dass Unterricht nicht nur auf „Klassenzimmer“ beschränkt bleibt, sondern auch andere Bereiche dafür genutzt werden. Diese „Öffnung der Klassenzimmer“, also die Abkehr von der traditionellen Klasse-Gang-Struktur, bezieht sich als Thema auf die ganze Schulorganisation.

Harald Schabus Wir haben jetzt zehn Jahre Praxiserfahrung in einer und ich sehe auch die Wichtigkeit von Personal- und Organisations­entwicklung. Das hatten wir bei uns an der Schule, aber ich vermisse „Spatial Literacy“ ein wenig an den Hochschulen. Zu uns kommen schon viele Studierende auf Besuch, aber wesentlich ist, dass neue Raum­konzepte tatsächlich im Alltag erfahren und erlebt werden. Zum Glück konnten wir diesen Herbst erstmals nach Corona wieder ein Praxis­seminar anbieten.

Raphael Eder Ich halte es für sehr wichtig, dass die Lehrkräfte und die Direktion aktiv in den Planungs­prozess eingebunden sind. Leider hat sich das in den letzten Jahren in unserer Wahr­nehmung reduziert. Bei einem unserer aktuellen Projekte – einer Bundesschule – hat die Wiener Bildungs­direktion diese Beteiligung kategorisch abgelehnt. Im Hintergrund stand die Sorge, dass es dann zu viele Wünsche gebe, die sich nicht finanzieren lassen.

Ursula Spannberger Ich hatte in diesem Kontext eine gute Erfahrung im Jahr 2014 mit einer kleinen Studie in Salzburg, in der ich zeigen konnte, dass Cluster­schulen nicht mehr Quadrat­meter brauchen als Gangschulen. Und auf dieser Basis ist Schulen nun seit 2018 durch die neue Schulbau­verordnung des Landes Salzburg die Konzeption freigestellt. Ein kleiner Wermuts­tropfen ist allerdings, dass Beteiligungs­prozesse nur empfohlen und nicht verpflichtend vorgeschrieben sind. Viele Aktivitäten der letzten zwei Jahrzehnte – wie zum Beispiel die Charta der Plattform schulUMbau – haben dazu beigetragen, dass die (also jene Zeitspanne, in der Grundlagen definiert werden und Partizipations­prozesse stattfinden sollen) und auch die (jene der Besiedlung, Inbetrieb­nahme und Nutzung) heute mehr Stellenwert haben, aber sicher noch nicht genug!

Christian Kühn Generell ist ja ein Neu- oder Umbau ein toller Anlass für Schul­entwicklung, der sich nicht nur aufs Bauliche bezieht.

US Ja, einer der wichtigsten Effekte von Beteiligungs­prozessen in der Planung ist, dass sich die Leute darüber klar werden, welche Räume sie jetzt haben, was ihnen dient und auch was sie behindert. Im Idealfall ist das auch der Beginn von Team­bildung und umfassender Organisations­entwicklung.

Isabella Marboe Als Beobachterin, die viele Schulen besucht, ist mir aufgefallen, dass diese Cluster­modelle damit stehen und fallen, ob die Direktion und die Lehrenden sie mittragen. Wenn sie nicht mitgehen, hat das keinen Sinn, dann zerbricht die schönste Architektur. Ich habe das Gefühl, dass sich die radikalen Modelle in den letzten 15 Jahren ein wenig abgeschliffen haben und sich zeigt, dass komplette Offenheit nicht so gut angenommen wird und jene Modelle am besten funktionieren, bei denen die Lehrenden selbst noch etwas verändern können.

HS Das ist ein hochinteressantes Thema. Auch in „meiner“ Schule wurde etwa die Verglasung des Lehrer­zimmers anfangs intensiv diskutiert. Aber nach zwei Tagen waren diese Bedenken weg. Das ist so wie bei anderen Dingen – eine Dialektik zwischen offen und geschlossen, zwischen transparent und Nische. Gerade Grund­schul­kinder brauchen diese Rückzugsorte. Bei uns passiert dies alles im Cluster, der insgesamt ein offener Lernraum ist. 

BF Sie haben die Schule seit Beginn des Neubaus begleitet. Wie, denken Sie, wird Ihre Nachfolge mit dem Gebäude umgehen? 

HS Wir wissen alle, dass bei einem gelingenden Projekt alle Player mitspielen müssen. Die Kommunikation mit den jeweils planenden Architekt:innen ist zentral. Bei uns wurde das von Nutzer:innen und Behörden entwickelt und war schon Grundlage des Wettbewerbs. Und im Prozess war ich beim „Herz der Schule“, also den Clustern, immer eingebunden und habe dann sehr wohl gesagt, „das und das bitte nicht“. Da hat man mich und auch die Kolleg:innen ernst genommen. Die Schule sollte auch nach meiner Pensionierung weiterlaufen in diesem Sinn und Geist. Da sehe ich auch die Bildungs­behörden gefordert, dies bei der Ausschreibung der Stelle entsprechend zu berücksichtigen. 

US Ich habe leider die Erfahrung gemacht, dass das nicht immer beachtet wird, und kenne Beispiele, wo sich die neue Direktion mit dem Gebäude gar nicht anfreunden kann. 

CK Das heißt, man bräuchte wieder eine Phase Zehn, wenn sich eine Direktion ändert? 

IM Manchmal sind es einfach auch ganz praktische, berechtigte Gründe, wenn ich etwa an zu geringen Stauraum oder zu wenige Waschbecken denke. 

CK Aber diese Kritikpunkte dürfen nicht im Vordergrund stehen. Man muss das Potenzial vermitteln, das ein räumlich-pädagogisches Konzept hat. 

KR Vielleicht stellt sich nicht nur die Frage, was es braucht, damit ein gebauter Schulraum gut genutzt wird, sondern eben auch die Frage, was es braucht, damit er nicht als Belastung empfunden wird. Das geht ja sehr tief und da schlagen die Emotionen hoch. Ich vermute schon, dass das, abgesehen von einer generellen Grundhaltung gegenüber Offenheit oder Geschlossenheit von Räumen auch daran liegt, wie sehr die Ökonomie des Alltags abgebildet wird. Das sind oft Kleinigkeiten. Da geht es sehr stark um die Kommunikation zwischen denen, die sich die Architektur ausgedacht haben, und den Nutzer:innen. 

IM Ich glaube auch, dass es zentral ist, dass die Lehrenden das Empfinden haben, ernst genommen zu werden. Ich sehe die Tendenz, dass Architekturschaffende oder Raumgestalter:innen manchmal ein bisschen dogmatisch sind – zum Beispiel dieses Gebot, dass ein Kindergarten keine Farbe haben darf, weil Kinder eh genug Farbe und Leben reinbringen. Da gibt es etwa einen Kindergarten, der hat in jedem Raum eine andere Linoleumfarbe, und ich glaube, das hilft den Kindern sehr bei der Orientierung. Außerdem ist ja auch jeder Pädagoge, jede Pädagogin anders – bei manchen ist alles vollgeräumt und bei anderen ist es ganz clean. 

US Mir erscheint es wichtig, dass sich die Pädagog:innen mit dem Thema Raum beschäftigen. Das müsste an den pädagogischen Hochschulen viel mehr vermittelt werden, wobei man die Studierenden auch darauf vorbereiten muss, dass die meisten von ihnen nicht in einem Schul­neubau arbeiten werden und dass sie sich dem Raum trotzdem nicht von vornherein ausgeliefert fühlen sollen. Wir machen dies mit kleinen räumlichen Experimenten, die dem jeweiligen Fach und der jeweiligen Umgebung das Beste „abtrotzen“. Davon profitieren nicht nur jene, die in neuen oder umgebauten Schulen arbeiten, sondern alle entwickeln ein Sensorium dafür, wie stark Raum auf Menschen wirkt, und können dies dann auch den Kindern und Jugendlichen weitergeben. 

IM Fast alle Pädagog:innen haben mir erzählt, dass in neuen oder umgebauten Schulen auch die Kinder ruhiger und entspannter sind – einfach nur, weil die Akustik passt, weil das Licht passt, weil sich der Raum verbessert hat, weil es heller ist und es Rückzugs­bereiche gibt. Also das hat sofort merkbare Auswirkungen. 

RE Da möchte ich gerne auch auf die Wichtigkeit der Möblierung hinweisen, denn ich finde es eine Katastrophe, wenn das Raum­programm und die Möblierung nicht Hand in Hand gehen. Das ist leider manchmal der Fall. 

CK Jede neue Schule wird irgendwann eine alte Schule. Von Anfang an wird umgestellt, umgerückt und umgebaut. Architektur ist immer im Fluss. 

US Ich verwende diese Formulierung auch gerne und meine Studierenden schauen dann sehr überrascht. Aber schnell wird im Gespräch klar, dass das eine ganz wesentliche Qualität von Architektur ist, sich anpassen zu können an veränderte Gegebenheiten. 

BF Ein Thema wollen wir gerne noch ansprechen: Die Freiräume in unserer Schulzeit waren eine Asphaltfläche mit einem Basket­ball­korb, jetzt wird dem Freiraum zunehmend mehr Aufmerksamkeit zuteil. Woher kommt diese Entwicklung? 

KR Ich glaube, dass Themen wie Klimawandel und unser Verhältnis zur Natur dabei eine große Rolle spielen. Aber leider fallen mir zahlreiche Schulen ein, wo die Höfe mehr oder weniger noch immer so ausschauen. Das ist für die meisten der Alltag und nur wenige haben diese tollen Möglich­keiten, aus jeder Klasse zumindest zur Terrasse, wenn nicht zu einer Grün­fläche zu kommen. Und wenn man sich ansieht, wie Schule abläuft und unter welchem Druck Lehrer:innen stehen, welche Aufgaben sie bewältigen müssen, dann ist oft auch keine Zeit (ausgenommen es ist eine Ganztags­schule), mit den Schüler:innen rauszugehen oder Zeit einzubauen, in der sie ins Freie können. Also ich glaube schon, dass da eine große Spannung zwischen „so sollte es sein“ und „so ist es tatsächlich“ liegt. 

HS Es bringt aber nichts, nicht ins freie Gelände zu gehen, weil man Lerndruck hat. Im Gegenteil, man muss rausgehen und danach die Lernzeit intensiv nutzen. Bei uns ist zwischen 10.30 und 11 Uhr immer Pause im Freien, außer es schüttet. Speziell im Hinblick auf Zukunfts­anforderungen erscheint mir das zentral – gerade auch in Brenn­punkt­schulen, wo es leider zumeist keinen entsprechenden Platz gibt. 

RE Der Freiraum ist der Bereich, wo sich die Kinder am besten regenerieren können. Da erlebt man aber manchmal Überraschungen. Wir haben gerade eine Schule in Wien umgebaut, wo es vorher einen asphaltierter Basketball­platz gab. Dort haben wir einen Zubau errichtet und die Dach­terrasse begrünt – und die Schüler:innen dürfen nicht hinausgehen, denn das ist die Terrasse für Lehrende geworden. 

US Die Lehrer:innen müssen sich auch regenerieren. 

RE Ja, das ist richtig, und dafür habe ich auch Verständnis. Aber in einer anderen Schule hat der Direktor die Sport­hallen, Frei­bereiche und Terrassen etc. während der Pausen für alle Schüler:innen zugänglich gemacht. Die Kinder dürfen sich in der ganzen Schule frei bewegen und austoben, wie sie wollen, weil er weiß, wie wichtig Bewegung und Regeneration sind. 

CK Zum Abschluss wollen wir einen Blick in die Zukunft werfen. Was sehen Sie als die größten Heraus­forderungen? 

KR Als größte Herausforderung sehe ich, dass die Schule nicht mehr mit der Konsistenz rechnen kann, die sie in den letzten Jahr­zehnten hatte, und das auf vielen Ebenen: Das bedeutet zum Beispiel, dass es vielleicht eine Öffnung gibt in Richtung interdisziplinäre Zusammen­arbeit, etwa mit außer­schulischen Personen, die dann in der Schule mit den Schüler:innen oder mit dem Lehr­personal arbeiten. Es bedeutet, dass man es mit vielen Ungewiss­heiten und Unwäg­bar­keiten zu tun hat. Und die Frage ist, wie man darauf baulich und bei der Raum­gestaltung, ohne große Ausgaben oder sonstige Aufwände, reagieren kann. 

RE Aus baulicher Sicht erscheint mir der Klima­wandel als die große Heraus­forderung für die Schul­gebäude. Wir arbeiten jetzt alle mit außen liegendem Sonnenschutz und mechanischer Belüftung, in Zukunft wird vielleicht Klima­ti­sierung notwendig werden – das wollen wir aus Gründen der Kosten und der Emissionen natürlich vermeiden. Und der zweite wichtige Aspekt: Das Material der Zukunft ist der Bestand. Wir müssen lernen, alte Gebäude zu adaptieren. Wir werden in Zukunft nicht mehr so viele Grund­stücke zur Verfügung haben. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir viel im Bestand arbeiten, und das ist auch im Sinne einer Kreis­lauf­wirtschaft wesentlich vernünftiger. 

IM Man wird Schulen aus- und umbauen müssen und wahrscheinlich auch andere Flächen nutzen, zum Beispiel Büro­gebäude oder vielleicht Einkaufs­zentren. Und wir haben ja so viele Schulen aus den 1970er-Jahren, wo sich zeigt, dass die großen zentralen Stiegen­häuser und die breiten Gänge sich sehr gut für Adaptierungen eignen. Aufgefallen ist mir auch, dass Kinder­gärten jetzt öfter zweigeschoßig errichtet werden. Lange war klar, dass sie nur ebenerdig sein sollten, damit man gleich in den Garten laufen kann. Und jetzt gibt es immer mehr zwei­geschoßige, die dann Terrassen und insgesamt ein interessantes Raum­angebot haben. Das verbraucht auch weniger Boden. 

HS Wichtig ist es, nicht alles absolut zu fixieren, sondern Möglich­keiten zu schaffen und anzubieten für die Veränderungen, die den Schulen bevorstehen.

US Als größte Herausforderung sehe ich den kreativen Umgang mit dem Bestand und das Erkennen von Frei-Räumen in scheinbar festgefügten Strukturen – baulich, pädagogisch und organisatorisch.

CK Mir gefällt immer noch die Definition von Hartmut von Hentig am besten, wozu Schule gut ist, nämlich „die Menschen zu stärken und die Sachen zu klären“. Zu beidem kann Architektur etwas beitragen – die Menschen nicht nur durch gute Funktions­abläufe zu stärken, sondern auch durch Atmosphäre, durch Räume, in denen man sich gerne aufhält, die vielen Tausend Stunden lang, wie wir das von unseren Kindern erwarten. Für die Pädagog:innen sind es in ihrem Berufs­leben noch ein paar Tausend mehr. Und um die Sachen zu klären, braucht es entsprechende Raum­angebote, die zum Forschen und Entdecken einladen, aber auch die Öffnung der Schule zur Umgebung und den vielen anderen Orten, an denen formale und informelle Bildung stattfindet. Um auf die Zukunft vorbereitet zu sein, müssen wir über Bildungs­land­schaften nachdenken und nicht nur über das einzelne Schulgebäude.

Raphael Eder studierte Architektur in Wien und Tokio und gründete nach Arbeit in Tokio, London und Amsterdam zusammen mit Misa Shibukawa 2007 in Wien das Büro Shibukawa Eder Architects. Das Büro plant zahlreiche Bildungsbauten.
www.sea.gmbh

Isabella Marboe studierte Architektur in Wien und Jerusalem und besuchte die katholische Medien­akademie und den profil-Lehrgang Magazin­journalismus. Als freie Architektur­journalistin publiziert sie in unter­schiedlichen Medien und leitet den Blog genau! Journal für architektur, mensch & wort.
www.genau.im 

Katharina Rosenberger arbeitete viele Jahre als Lehrerin an Wiener Pflichtschulen. Als habilitierte Professorin für Schul­pädagogik ist sie an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Niederösterreich im Fachbereich Bildungs­wissen­schaften und qualitative Forschungs­methoden tätig.
www.kphvie.ac.at/katharinarosenberger/home.html 

Harald Schabus hat eine Ausbildung zum Volksschul­lehrer. Seit 2011 ist er Direktor der Volksschule Mariagrün in Graz, die in seiner Amtszeit einen Neubau erhielt und eine ganztägige Schulform mit getrennter Abfolge von Unterrichts- und Betreuungsteil anbietet.
www.volksschule-mariagruen.at

Ursula Spannberger studierte Architektur in Innsbruck und absolvierte Zusatz­ausbildungen als Mediatorin und Genuine Contact Professional. Neben ihrer Arbeit als freiberufliche Architektin begleitet sie räumliche Veränderungs­prozesse, insbesondere im Bildungs­bereich, und entwickelte dazu die RAUM.WERTmethode.
www.raumwert.cc