Elementare Raumpädagogik: Zur räumlichen Entwicklung von Kindergärten
Kinderkrippen und Kindergärten sind für die meisten Kinder die ersten Räume außerhalb des Familienverbands, in denen sie viel Zeit verbringen. Neben dem Hineinwachsen in die Gesellschaft, dem Zusammensein mit anderen Kindern und den Pädagog:innen, findet hier auch ein entscheidender Schritt der Raumwahrnehmung und Raumerfahrung statt. Die jeweilige Raumgestaltung ist eine architektonische Erfahrung, die – zumeist unbewusst – aufzeigt, wie Gebäude funktionieren, wie sie Handlungen befördern, aber auch behindern können. Daher erfordert ihre Gestaltung eine hohe Aufmerk- und Achtsamkeit, eine Erkenntnis, die sich jedoch erst langsam durchzusetzen beginnt. Das Augenmerk auf die Raumgestaltung folgt dabei der generellen Wahrnehmung der frühkindlichen Phase als essenzielle Basis für die weitere Entwicklung.
Der Weg zum Kindergarten
Lange wurde die Kindheit nicht als eigener Lebensabschnitt verstanden, und erst im Humanismus des 15. und 16. Jahrhunderts wurde die Bedeutung der frühkindlichen Erziehung thematisiert. Ein wichtiger Impulsgeber war dabei der Pädagoge Johann Amos Comenius (1592–1670), der eine vom Kind ausgehende Sichtweise vertrat, obzwar auch er die Kindheit noch nicht als eigenständige Lebensphase einstufte. Dies geschah erst mit der Aufklärung, als sich die Erziehung zunehmend zu einer öffentlichen Aufgabe wandelte. Wichtige (Vor-)Denker der Kleinkindpädagogik waren Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) und Friedrich Wilhelm Fröbel (1782–1852) – beide sahen die frühkindliche Erziehung als institutionellen Zusatz zur Familie. Insbesondere Pestalozzis Ideen der „erzieherischen Kraft der Wohnstube“ [→ 1] und der Aufteilung der Kinder in kleine, selbstständig agierende Gruppen, die lange vor einem formulierten Raumprogramm entstanden, prägen die Kindergartenstruktur und -architektur bis heute. Fröbel führte um 1840 erstmals den Begriff „Kindergarten“ ein, der im Gegensatz zu den bis dahin üblichen Bezeichnungen wie Bewahranstalt, Spiel- und Warteschule, Kinderasyl oder Strickschule stand, die bereits mit dieser Wortwahl ihre Hauptintention verdeutlichten: das möglichst ruhige „Bewahren“ von hauptsächlich Unterschichtkindern, deren Eltern im Zuge der Industrialisierung außer Haus arbeiten gingen. Bei Fröbel hingegen sollte der Kindergarten ein Paradies in Anlehnung an den Garten Eden sein. Hier sollten die Kinder „wie Gewächse“ unter Anleitung „erfahrener einsichtiger Gärtner im Einklang mit der Natur“ aufgezogen werden, Beete bewirtschaften und ihr Bewegungsbedürfnis ausleben. [→ 2]


Für die Kinder erfand er seine „Spielgaben“ genannten Bauklötze, die später auch Architekten wie Le Corbusier, Frank Lloyd Wright oder Buckminster Fuller als Referenzen für elementare Erlebnisse des Bauens dienten.
Anfangs fungierten private Wohltäter:innen und Vereine als Träger der frühkindlichen Erziehung; bald übernahmen auch konfessionelle Institutionen diese Aufgabe. Der wachsenden Bedeutung Rechnung tragend, erfolgte in Österreich 1872 die öffentliche Verankerung des Kindergartenwesens. [→ 3]

Die räumliche Ausgestaltung
Den räumlichen Anforderungen wurde anfangs wenig Aufmerksamkeit gewidmet, insbesondere da die Unterbringung oftmals in Bestandsgebäuden erfolgte. Vertiefende Überlegungen auch zu den baulichen Erfordernissen formulierte Alois Fellner (damals Direktor der Kindergärtnerinnen Erziehungsanstalt in Wien-Neubau) in seinem 1901 erschienenen umfangreichen Buch Der Kindergarten. Darin beschäftigt er sich unter anderem mit Anforderungen an den Bauplatz, die Heizung und Lüftung sowie die Beleuchtung. Als Idealmaß für einen „Beschäftigungssaal“ (für 40 Kinder) definiert er: 8 Meter lang, 5,8 Meter breit und 4 Meter hoch [→ 4] sowie zusätzliche Nebenräume und ausreichend Spielfläche im Freien. Sein prototypischer Grundriss lässt sich bis heute in vielen Kindergärten erkennen – auch wenn der jedem Kind zur Verfügung stehende Platz glücklicherweise größer wurde.
Eine wesentliche Vordenkerin für die räumliche Ausgestaltung von Kindergärten war Maria Montessori (1870–1952). Auf sie geht die „kindgerechte“ Einrichtung mit niedrigen Tischen und Sesseln zurück. 1907 gründete sie in einem römischen Arbeiterviertel die erste „Casa dei Bambini“. Über persönliche Kontakte fanden ihre Ideen auch in Österreich Niederschlag – speziell im 1925 eröffneten städtischen Kindergarten im Favoritner Waldmüllerpark. Der nach einer Planung des im Wiener Stadtbauamt beschäftigten Architekten Hugo Mayer entstandene Bau, ebenfalls als „Haus des Kindes“ bezeichnet, war der erste frei stehende Kindergarten in einem Park, der erste in der Zeit des Roten Wien und der erste Montessori-Kindergarten in der Stadt. Die schlossartige Architektur war Ausdruck des Ausspruchs von Stadtrat Julius Tandler: „Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder“. [→ 5]
Der kurz danach erbaute städtische Kindergarten in der Parkanlage des Rudolfsplatzes nach Plänen von Franz Schuster ist architektonisch ein Gegenprogramm im Stil des gemäßigten Funktionalismus, der mit Schusters Worten nichts anderes sein sollte als ein „einfacher, anspruchsloser Rahmen für eine eigene kleine Welt der Kinder“ [→ 6].



Im Roten Wien war die Errichtung von Kindergärten – anders als von Schulen, bei denen auf einen großen Bestand zurückgegriffen werden konnte – eine häufige Bauaufgabe, wobei die meisten im Kontext der großen Wohnhausanlagen entstanden. In einer Anfang der 1930er-Jahre erschienenen Publikation heißt es zum Raumkonzept: „Besonderes Augenmerk wird der räumlichen Ausgestaltung zugewendet. Die Gruppenzimmer gleichen mit ihren leichten, den Körpermaßen des Kleinkindes angepassten Möbeln großen Kinderstuben. Jeder Kindergarten hat für das Spielen im Freien einen Garten, eine Terrasse oder einen Spielhof zur Verfügung.“ [→ 7] Mit ganzjährigen Öffnungszeiten von täglich bis zu elf Stunden (von 7 bis 18 Uhr und samstags von 7 bis 13 Uhr) war das Angebot wesentlich umfassender als heute.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden in rascher Folge zahlreiche Neubauten, die in ihren räumlichen Konzeptionen zunehmend vom „Raumteilverfahren“ beeinflusst waren. Dieses wurde federführend von Margarete Schörl und Margarete Schmaus in österreichischen Kindergärten entwickelt und prägte lange die Kindergartenräume im deutschsprachigen Raum. Die Gruppenräume wurden dabei mit Möbeln in unterschiedliche Beschäftigungsbereiche (u. a. Bauplatz, Puppenwohnung, Bilderbuchplatz, Haushaltsecke) gegliedert, womit eine gewisse Konformität entstand, die in heutigen Kindergärten einer variableren Gestaltung gewichen ist. Sie verdeutlichen damit die große Bedeutung, die das Diktum vom Raum als drittem Pädagogen speziell für Kindergärten hat.
Rahmenbedingungen für die Raumgestaltung
Dass die Zuständigkeiten im Bereich der Betreuung/Ausbildung von unter sechsjährigen Kindern in Österreich föderal organisiert sind, führt dazu, dass auch für die bauliche Ausgestaltung von Krippen und Kindergärten unterschiedliche gesetzliche Rahmenbedingungen gelten. Dies zeigt sich etwa schon darin, dass in einigen Bundesländern die erforderliche Bodenfläche je Kind relevant ist, während in anderen die gesamte Raumfläche als Mindestmaß angegeben wird. [→ 8] Die jeweils bundeslandspezifischen Rechtsvorschriften enthalten neben den erforderlichen Flächenmaßen auch Angaben zu Ausstattung, Materialien und Sicherheit. Noch weiter gehen die „Richtlinien zur Einrichtung/Ausstattung von Kindergärten in Oberösterreich“ [→ 9]. Sie definieren auch „Pädagogische Anforderungen“ und halten fest, dass „grundsätzlich […] alle Räume laufend auf ihre Möglichkeiten Bildungsraum zu sein zu reflektieren und entsprechend auszustatten [sind].“ Passend dazu werden Prinzipien zur Gestaltung einer angenehmen Raumatmosphäre formuliert, etwa Ästhetik ohne verniedlichende Dekorationen sowie die Schaffung von Blickbeziehungen zur Außenwelt und Platz für persönliche Dinge und Spuren. Betont wird auch die Vermeidung von Überladenheit und Buntheit. Dieser Aspekt wird je nach pädagogischer Ausrichtung des Kindergartens sehr unterschiedlich gesehen, gehen doch die Meinungen, was ein kindgerechter Raum sein soll, oftmals auseinander. Neben dem Aspekt der Farbigkeit zeigt sich dies etwa auch bei der – aus Bodenschutz- und Ressourcengründen durchaus sinnvollen – Errichtung von mehrgeschoßigen Kindergärten. Diese wird vielfach kritisch gesehen, weil damit der direkte Bezug zum Freiraum und zum gewachsenen Boden fehlt. Auch im Hinblick auf Ruhebereiche und Rückzugszonen gibt es unterschiedliche Meinungen zu Transparenz beziehungsweise Geschlossenheit, zudem werden speziell Sicherheitsaspekte – etwa bei Treppenanlagen – kontrovers diskutiert. Einigkeit besteht darin, dass Räume der Elementarpädagogik so gestaltet sein sollen, dass sie den unterschiedlichen Bedürfnissen von Kindern und Pädagog:innen insbesondere im Hinblick auf vielfältige Anregungen, Möglichkeiten und Erfahrungen ausreichend Platz bieten und es eine gute Balance zwischen Beständigkeit (zur Orientierung und Sicherheit) und Veränderbarkeit (zum Experimentieren und Entdecken) gibt.
Zusammenarbeit von Architektur und Pädagogik
Insgesamt lässt sich feststellen, dass es zur Raumgestaltung und Raumnutzung im Bereich der Elementarpädagogik, speziell aus interdisziplinärer Perspektive, wenig wissenschaftliche Forschung gibt. Die meisten (Architektur-)Publikationen beschränken sich auf die Darstellung von einigen grundlegenden Rahmenbedingen, ähnlich den gesetzlichen Vorgaben, sowie die Präsentation von ausgewählten Neu- oder Umbauten. In der „pädagogischen Literatur“ findet sich das Thema primär aus entwicklungspsychologischer Perspektive. Kaum Berücksichtigung erfahren etwa Genderaspekte oder der öffentliche Raum, der in Stadt und Land stark vom Autoverkehr bestimmt wird, wodurch alltägliche Bewegungs- und Erfahrungsräume für Kinder stark eingeschränkt werden.
Auch wenn dem Thema Raum in der Ausbildung [→ 10] von Elementarpädagog:innen mehr Bedeutung zukommt als in jener von Lehrer:innen, wäre eine Stärkung von Dialog und Zusammenwirken von Architektur und Pädagogik wesentlich für eine gute Zukunft. Denn ähnlich wie im Schulbau findet auch im Bereich der Elementarpädagogik viel zu wenig Austausch zwischen den Expert:innen der jeweiligen Disziplinen statt. Nur wenige Architekturbüros haben sich auf den Bau von Kindergärten spezialisiert, und Elementarpädagog:innen sind oftmals von traditionellen Raumvorstellungen (und mitunter von ihren persönlichen Vorlieben und Neigungen) geprägt. Zudem findet die Kommunikation – wenn überhaupt – oftmals nicht auf Augenhöhe statt. Bernhard Koch hält die Kategorien „Geschlecht“ und „Ausbildungsniveau“ für mögliche Einflussfaktoren: „Kindergartenleiter/innen sehen sich oft einem männlich dominierten Bauausschuss gegenüber, dessen Erfahrungen mit einer kindorientierten Perspektive gering sein können. […] Darüber hinaus könnte das für Österreich geltende sekundäre Ausbildungsniveau der Kindergartenleitungen eine Rolle spielen. Sie stehen akademisch ausgebildeten Architekt/innen gegenüber, die aufgrund ihrer Berufsrolle vielfach über ein ausgeprägtes ,Standing‘ im Dialog verfügen.“ [→ 11] Erfreulicherweise lässt sich jedoch in den letzten Jahren bei der Ausbildung von Elementarpädagog:innen eine Tendenz zur Akademisierung beobachten [→ 12], womit Österreich europäischen Entwicklungen folgt. Zu hoffen ist, dass speziell bei Neu- oder Umbauten – wie auch im Schulbereich – eine Zusammenarbeit der beiden Professionen zukünftig zum Standard wird, um auf diese Weise bestmögliche Ergebnisse zu erreichen.
Eine intensive räumliche Kombination von Kindergärten und weiterführenden Schulen ermöglicht das – insbesondere in Wien etablierte – Campus- bzw. Campus-plus-Modell. Diese Standorte bieten die räumliche Basis für eine raum- und altersübergreifende Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Altersstufen sowie die Vernetzung von Unterricht, Freizeit und externen Bildungspartner:innen. Die Gestaltung mit viel Transparenz und Flexibilität ermöglicht unterschiedliche Lern- und Rückzugssettings. Wie diese tatsächlich im Alltag angenommen und genutzt werden, hängt – wie in allen Bildungsbauten – von den Beteiligten ab und erfordert oftmals auch das Verlassen von eingeübten Routinen.
Die Aufnahme von einigen impulsgebenden Kindergärten in diese Publikation und ihre Einordnung im Kontext von Bildungsbauten soll ihre Relevanz für eine umfassende Bildung von früher Kindheit an aufzeigen und zu weiteren engagierten Projekten ermutigen.