Einleitung
Architektur wirkt. Sie prägt unsere Lebenswelt und spiegelt zugleich die gesellschaftliche Entwicklung wider. Wie eine Gesellschaft ihre Bildungsräume gestaltet, ist ein Zeichen ihres kulturellen Anspruchs und nicht zuletzt des Respekts, den sie Pädagog:innen und Lernenden entgegenbringt, die – je nach Bildungs- und Berufslaufbahn unterschiedlich – tausende Stunden in diesen Räumen verbringen.
Wie diese Räume auszusehen hätten, war vor 25 Jahren eine weitgehend geklärte und speziell im Diskurs mit der kritischen Architekt:innenschaft unveränderliche Sache. Auf Bundesebene gab es in Österreich zwar keine gesetzlichen Richtlinien für den Schulbau, aber einen bürokratischen, vor allem quantitativ orientierten Grundkonsens über die Schulbautypologie. Das Bildungsministerium legte nach den Kriterien von Sparsamkeit und Zweckmäßigkeit standardisierte Raumprogramme für die unterschiedlichen Schulformen fest und sorgte dafür, dass sie in ganz Österreich eingehalten wurden. Es sollte keinen Unterschied machen, ob ein Gymnasium am Stadtrand von Eisenstadt oder im Zentrum von Bregenz liegt.
Auf Ebene der Länder und Gemeinden sah die Situation insofern anders aus, als es in den meisten Bundesländern Schulbauverordnungen gab, die die Planung oft bis hin zu Details der Ausstattung vorgaben. Das System der Gangschule war zwar weder auf Landes- noch auf Bundesebene explizit vorgeschrieben, aber mangels anderer Lösungen in den Regelwerken durchaus mitgedacht und kaum zu vermeiden. Ideologischer Hintergrund war die Überlegung, Schüler:innen in möglichst gleichartige Leistungsgruppen zu sortieren, die nach einheitlichen Methoden auf dieselben Lernziele hin unterrichtet werden sollten.
Heute sieht Schule anders aus. Große Unterschiede zwischen den Schüler:innen sind der neue Normalzustand, bis hin zu Fällen, in denen die größte Gemeinsamkeit die Tatsache ist, dass kein Kind in einer Klasse Deutsch als Erstsprache spricht. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land haben sich verstärkt, wobei Schulen in strukturschwachen Regionen oft mit so niedrigen Schüler:innenzahlen konfrontiert sind, dass ihre Existenz bedroht ist. Die Zahl der Schüler:innen, die psychologische Betreuung bräuchten, nimmt rasant zu. Pädagog:innen berichten, dass sich der Schwerpunkt ihrer Arbeit verschiebt: Nach wie vor bestehe diese Arbeit einerseits in der Aufgabe, die Menschen zu stärken, und andererseits darin, die Sachen zu klären, aber der Schwerpunkt habe sich deutlich in Richtung des Stärkens verschoben. Dafür sind nicht mehr allein die Pädagog:innen verantwortlich, sondern viele Akteur:innen, von den Psycholog:innen bis zu den Freizeitpädagog:innen, aber auch die Mitschüler:innen, die gerade angesichts der zunehmenden Individualisierung des Lernens solidarisches Verhalten lernen müssen, also eine Mitverantwortung für den Lernerfolg der anderen Mitglieder der Gruppe. Ob diese Verantwortung unter den Bedingungen eines KI-unterstützten Lernens neu definiert werden muss, ist noch nicht abzusehen.
Dass Kindergärten und Schulen unter diesen Umständen auch architektonisch neu zu denken sind, liegt auf der Hand. Es geht dabei um mehrere Ebenen des Architektonischen: erstens die Schaffung von einprägsamen Orten; zweitens die Organisation von Handlungen im Raum; drittens die symbolische Darstellung von Bedeutungen. Diese Ebenen stehen in einem komplexen und nie eindeutig aufzulösenden Wirkungszusammenhang und entwickeln sich bei einem konkreten Projekt im Diskurs zwischen den Auftraggeber:innen, den Planer:innen und den Nutzer:innen. Im Idealfall versuchen diese Akteur:innen einander zu überzeugen und selbst dazuzulernen. Dabei kommen verschiedene Ausdrucksmittel zum Einsatz: Sprache, Skizzen, Diagramme, Modelle, Pläne und schließlich das Bauwerk selbst, das ebenfalls als eine Art von „Sprache“ betrachtet werden kann.
Das vorliegende Buch richtet sich gleichermaßen an Pädagog:innen und Architekt:innen und versteht sich als Unterstützung bei dem Versuch, einen „common ground“, also eine solide Gesprächsbasis für die Zusammenarbeit zwischen diesen Disziplinen aufzubauen. Dazu dienen einerseits theoretische Beiträge zu aktuell zentralen Themen an der Schnittstelle zwischen Bildung und Architektur, die abwechselnd als Essay und in Gesprächsform adressiert werden. Der zweite Schwerpunkt des Buchs sind 50 Fallbeispiele von Kindergärten und Schulen, die das Potenzial haben, impulsgebend für andere Projekte zu sein. Darunter finden sich Beispiele aus allen österreichischen Bundesländern, aus städtischen und ländlichen Umgebungen, Neubauten ebenso wie Sanierungen, Umnutzungen und Erweiterungen. Allen gelingt auf ihre jeweils eigene Art die Synthese der oben genannten architektonischen Ebenen von Ort, Handlung und Symbol. Sie schaffen tatsächlich neue Lernwelten in einer Vielfalt von Ansätzen, die in den Jahrzehnten davor weder festzustellen noch vorgesehen war.
Die Jahre von 2010 bis 2025 werden in die Geschichte des österreichischen Bildungsbaus als eine Zeit des Experimentierens eingehen, in der Architekt:innen, Pädagog:innen und nicht zuletzt die Akteur:innen aus der Verwaltung Österreich in ein Innovationslabor für den Bildungsbau verwandelt haben. Ihnen und ihren Leistungen ist dieses Buch gewidmet.
Dank gebührt dem Bundesministerium für Bildung, das mit diesem Buch schon zum vierten Mal seit 1982 eine Dokumentation zum österreichischen Bildungsbau vorlegt, die nicht nur die „eigenen“, also vom Bund direkt zu verantwortenden Projekte behandelt, sondern auch die besten Beispiele – unabhängig von den Schulträger:innen – vor den Vorhang holt.