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Bildungsräume gestalten: Christoph Wiederkehr, Bundesminister für Bildung, im Gespräch

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit der Architektur der Schulen, in die Sie gegangen sind?

Als Schüler nimmt man die Architektur der Schule nicht immer bewusst wahr. Aber die Schule, die ich in Salzburg besucht habe, war meiner Erinnerung nach recht modern.


Als Minister besuchen Sie viele Schulen. Was nehmen Sie dabei aus den Gesprächen an Herausforderungen in Bezug auf die Schularchitektur mit? Erleben Sie manchmal bei den Nutzer:innen Begeisterung für die Architektur ihrer Schule?

Was ich bei meinen Schulbesuchen berechtigterweise oft gesagt bekomme, ist, dass neue Schulgebäude Vorzeigeprojekte in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind. Hier haben die Bildungseinrichtungen eine Vorbildfunktion für die gesamte Gesellschaft. Denn Schulgebäude werden ja nicht nur von Schüler:innen, sondern auch vom gesamten Schulpersonal und Eltern oft besucht.


Was erwarten Sie von einem guten Schulgebäude: räumlich, funktionell und symbolisch? Für welche Idee soll es stehen? 

Wenn ich an ein gutes Schulgebäude denke, sehe ich mehr als nur Mauern und Klassenzimmer. Es ist ein Ort, der Kinder und Jugendliche begeistert, ihre Entwicklung positiv prägt. Ein solcher Raum ist bereit für Veränderungen und gibt jungen Menschen das Gefühl, willkommen zu sein. Schule soll ein lebendiger Ort sein, an dem sich Kinder und Jugendliche entfalten können – ein Raum, der Neugier weckt, zum Forschen einlädt und Begegnungen ermöglicht. Hier wächst man gemeinsam, entdeckt Talente und entwickelt Fähigkeiten, die weit über den Lehrplan hinausgehen. Verschiedene Bereiche bieten die passende Umgebung, egal ob jemand allein konzentriert arbeiten oder sich in kleinen und großen Gruppen austauschen möchte. Offenheit und Transparenz solcher Lernlandschaften sollen Atmosphäre für selbstbestimmtes und kreatives Lernen schaffen. So wird individuelles Fördern möglich, aber auch die gemeinsame Arbeit an Projekten oder das Lernen in ganz unterschiedlichen Gruppengrößen. Auch Inklusion braucht genau diese Flexibilität. 


Sehen Sie es als Aufgabe des Bildungsministeriums, zur österreichischen Baukultur beizutragen? 

Ja, das zeigt sich auch an der langen Tradition im Bundesschulbau, Wettbewerbe zur architektonischen Gestaltung durchzuführen. Durch die enge Kooperation mit der Architektenkammer wird sichergestellt, dass aktuelle fachliche und gestalterische Standards Eingang finden. Die interdisziplinäre Jurybesetzung bei diesen Wettbewerben vereint verschiedene Expertisen, wodurch innovative und qualitätvolle Lösungen für Bildungsbauten ermöglicht werden. Das Bildungs­ministerium trägt somit maßgeblich zur Weiterentwicklung und Pflege der österreichischen Baukultur bei. 


Manche Expert:innen setzen hohe Erwartungen in den Begriff der Bildungslandschaft als Verbindung von formaler, nonformaler und informeller Bildung. Wie stehen Sie dazu? 

Bildungseinrichtungen entwickeln sich zunehmend zu ganztägigen Lern- und Lebensräumen. Neben dem formalen, im Curriculum verankerten Lernen bieten sie auch wichtige Impulse für nonformale Bildungsangebote – etwa in Form von Kursen, Arbeitsgemeinschaften oder Angeboten der Jugendarbeit. Solche zusätzlichen Möglichkeiten können insbesondere für Kinder und Jugendliche aus bildungsbenachteiligten Familien einen großen Mehrwert darstellen, da sie Zugänge zu neuen Erfahrungen und Kompetenzen eröffnen. Auch informelles Lernen etwa bei Freizeitaktivitäten, Vereinen oder im Freundeskreis spielt eine zentrale Rolle. Schulen können diese Prozesse fördern, indem sie Begegnungsräume schaffen und eng mit außerschulischen Partnern zusammenarbeiten.


Wie viel Mitsprache sollten die Nutzer:innen bei der Gestaltung haben? 

Partizipation ist längst zu einem zentralen Instrument bei der Planung und Entwicklung moderner Bildungseinrichtungen geworden. Sie bringt Know-how, Erfahrung und Kreativität der Nutzer:innen – vor allem der Pädagog:innen – direkt in den Gestaltungsprozess ein. Eine erfolgreiche Partizipation ist mehr als eine formale Einbindung der Nutzer:innen – sie ist der Kern nachhaltiger, funktionaler und zukunftsfähiger Bildungsarchitektur. Sie schafft Räume, die wirklich passen, von den Nutzer:innen angenommen werden und dabei wandelbar genug für kommende Herausforderungen sind. 


Wird sich das Berufsbild der Pädagog:innen durch künstliche Intelligenz verändern, Stichwort „Digitale Lernbegleitung“? Wird das Auswirkungen auf den Raumbedarf haben? 

Schon heute begleiten Lehrpersonen mit digitaler Unterstützung individuell, sie motivieren und fördern selbstgesteuertes Lernen. Sie sind Mentor:innen für Medienkompetenz und helfen Schüler:innen, KI-Tools kritisch und verantwortungsvoll zu nutzen. Sie kuratieren Inhalte, die durch KI personalisiert werden können, und gestalten dadurch aktiv Lernumgebungen mit. Indem Lehrende von Routineaufgaben entlastet werden, bleibt mehr Zeit für Beziehungsarbeit. Moderne Raumkonzepte mit technischer Ausstattung fördern eine innovative Pädagogik, unterstützt durch Digitales Lernen. Der Raum sollte vielfältige pädagogische Settings – digital und analog – ermöglichen und den Schüler:innen flexible Lernumgebungen zur individuellen Gestaltung bieten. Mit zunehmender Individualisierung des Lernens verlieren klassische Klassenräume an Bedeutung. Stattdessen werden offene, flexibel nutzbare Bereiche sowie Rückzugsräume für konzentriertes Arbeiten und individuelle Förderung wichtiger. 


Gibt es – jenseits des Schulentwicklungsprogramms (SCHEP) – Strategien des Bundes für die Entwicklung der baulichen Infrastruktur der Bildung?

Das aktuelle SCHEP 2020 sehe ich bereits als zentrale Strategie des Bundes. Es ist in vielen Bereichen ein zukunftsweisendes Programm für den Bundesschulbau, da es die wesentlichen Themen wie Architektur und Baukultur, ganztägige Schulformen, die Schule als Lebensraum, Digitalisierung sowie Nachhaltigkeit und Energieeffizienz als Zielsetzungen enthält. Diese Schwerpunkte werden weiter bestehen, können aber verstärkt oder ergänzt werden. Die guten Beispiele in diesem Buch zeigen, dass Schule in Österreich als ein moderner, nachhaltiger und chancengerechter Ort weitergedacht wird.