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Lernwelten der Zukunft im interdisziplinären Diskurs

Wie lassen sich Lernwelten und Bildungs­räume der Zukunft aus unter­schied­lichen Blick­winkeln neu denken? Darüber reflek­tieren in zwei Gesprächs­runden Dominik Eisenmann (Pädagogik, Bildungs­inno­vations­förderung), Lars Keller (Geografie, Nachhaltig­keit), Christian Kühn (Gebäude­lehre, Archi­tektur­kritik), Angela Million (Städte­bau, Stadt­planung), Barbara Pampe (Architektur, Bildungs­förderung) und Michael Zinner (Architektur, Schulbau).

Moderation: Christian Peer

Christian Peer Beginnen wir dieses Gespräch über Lernwelten der Zukunft mit der Frage nach Visionen für Bildung und Archi­tektur und diskutieren wir darüber, wie deren Umsetzung und Weiter­entwicklung aus verschiedenen Perspektiven wahr­genommen und mitgestaltet werden. 

Angelika Million Das relativ schlechte Abschneiden der deutschen Schüler:innen bei der PISA-Studie Anfang des 21. Jahrhunderts hat bei uns in Deutschland eine Debatte darüber ausgelöst, wie Bildung verstanden wird und welche Partner:innen Bildung braucht, nämlich auch den gebauten Raum, den Stadt­raum, den Sozial­raum. Damit ist ein deutlich inter­diszipli­närerer Dialog entstanden. Das war ein Wende­punkt in der Entwicklung des Schul- und Städtebaus. Ich habe damals mit ein paar Kolleg:innen begonnen, baukulturelle Bildung für Kinder und Jugendliche zu vermitteln und bin dann in der Bildungs­infra­struktur­forschung und Bildungs­forschung gelandet, einer­seits zu zur Frage, was Archi­tektur­vermittlung leisten kann, und anderer­seits dazu, wie das Lernen der Zukunft in Bildung und Bildungs­infra­struktur aussieht. Im Zuge dessen haben sich Bildungs­verbünde heraus­gebildet, die wir, wenn sie sich räumlich verorten und wenn sie auch archi­tektonisch werden, als bezeichnen und die wir in der Forschung besser verstehen möchten. 

Christian Kühn Für mich ist klar, dass es in den letzten 15 bis 20 Jahren einen Paradigmen­wechsel gegeben hat, der in den 1960er-Jahren begonnen und sich im Bereich des Schulbaus zumindest in Mittel­europa durchgesetzt hat. Das neue Paradigma geht weg von der Gang- und Klassen­zimmer­schule hin zu offeneren Strukturen, und . Momentan bin ich mir aber nicht sicher, ob dieser archi­tektonische Para­digmen­wechsel in der Päda­gogik wirklich in der Breite verstanden und gelebt wird. 

Barbara Pampe Ich gebe Christian Kühn recht. Als wir vor rund 20 Jahren mit unseren Projekten zum Wechsel­spiel von Päda­gogik und Raum gestartet sind, wurden der Bedarf und der Zusammen­hang noch kaum gesehen. Heute ist die Wirkung von Raum im Schulbau angekommen und es hat sich viel verändert hin zu zukunfts­orientierten Bildungs­räumen. Aber allein der Wandel in der Bildungs­architektur hilft nicht, wenn wir nicht alle relevanten Bereiche mitdenken. Der notwendige Para­digmen­wechsel in der Pädagogik, um Schüler:innen auf die Welt von morgen vorzubereiten, wird in der Breite tatsächlich noch nicht gelebt. Genau deswegen ist es wunderbar, dass Sie, Herr Keller, das Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung in unsere Diskussion einbringen. 

Lars Keller Die Fokussierung auf Bildung für nach­haltige Entwicklung ist gar nicht so selbst­verständlich. Es hat rund 30 Jahre nach der Wieder­ein­führung des Nach­haltig­keits­begriffs gebraucht, bis das Thema in die Bildung gekommen ist. Uns geht es dabei um die Fragen: Was wollen wir im Leben? Was macht unser Leben schön? Wie kommen wir zu einer Lebens­qualität, mit der wir leben können und zugleich nicht zerstörerisch unterwegs sind? Seit Jahr­zehnten trage ich dieselben Ideale mit mir, kämpfe jeden Tag für sie und treffe immer wieder auf die gleichen Beharrungen. Veränderung macht eben auch Angst. Also gilt es, die Psychologie der Menschen zu berück­sichtigen. Wir müssen Lust auf positive Veränderungen machen, wohl wissend, dass auch in der Nach­haltigkeit die Lösungen nicht einfach daliegen. Sich darum zu kümmern, ist etwas unbequem, aber danach ist es umso feiner. Insofern sollten wir vielleicht auch Räume kreieren, die stets unbequem bleiben. In den letzten zehn Jahren hat sich immer mehr heraus­kristallisiert, dass wir für ein nach­haltiges und klima­freundliches Leben einen grund­legenden Paradigmen­wechsel in Richtung holistischer, integrierter und trans­formativer Heran­gehens­weisen benötigen. 

AM Ohne diesen PISA-Schock gäbe es vielleicht die Debatten um Bildungs­land­schaften oder die intensiven Bemühungen um Ganz­tags­schul­konzepte nicht. Das war ein Wende­punkt in der Entwicklung des Schul- und Städte­baus. Es sind Pilot­projekte vorangetrieben worden, bei welchen es darum ging zu verstehen, wie ein Kosmos aus Bildungs­institutionen in einem Quartier wirkt, was Schule in einem Quartier leisten kann und inwiefern Schule integraler Bestand­teil oder auch Anker­punkt von Stadt- und Quartiers­entwicklung ist. Das hat sich mittlerweile durchgesetzt, wenn wir uns aktuelle Stadt­erweiterungs­vorhaben in München, Berlin oder Hamburg ansehen, wo in der Regel eine ganze Reihe von Bildungs­institutionen konzentriert an einem Standort gedacht wird. Zugleich hat eine Professio­nalisierung der Schul­bau­beratung stattgefunden und von den Landes­verbänden und Kammern für Archi­tektur werden entsprechende Fort­bildungen angeboten. Da ist also wirklich viel passiert in den letzten Jahren. Und dennoch gibt es Entwicklungen, die eine noch viel größere Dynamik haben, wie die vielen Krisen der letzten Jahre zeigen oder gezeigt haben. Wir haben etwa durch Flucht­bewegungen Spitzen in der demo­grafischen Entwicklung in Groß­städten, die dazu führen, dass ad hoc enorm viel Schul­raum benötigt wird, der gar nicht so schnell gebaut werden kann.

Michael Zinner Der PISA-Schock hat bei uns in Kombination mit den Blicken nach Skandi­navien schon etwas ausgelöst. Tatsächlich sind viele Schulen zum Beispiel als Pilot­projekte und in Kombination mit parti­zipativen Ansätzen neuartig entwickelt und gebaut worden. Die Geschichte hat aber zwei Irritationen erfahren. Erstens ist eine gewisse Ernüchterung in Bezug auf eingetreten. Wie immer, wenn sich Neues etablieren will, gibt es eine Phase des „ungeregelten Pionier­markts“. Es gibt etwa keine geregelten Zertifi­zierungen für Bildungs­bau­beratung, viel Selbst­ernanntes hat sich hier auf den Weg gemacht. Die noch junge beziehungs­weise erst aufkommende Nach­frage etwa nach pädagogisch-organisationalen Leitbildern wird mittlerweile von aggressiver auftretenden Unter­nehmen mit einfachen Rezepten kosten­günstig bedient. Partizipation wird so konterkariert, „schlafende Schulen“ werden zu „pseudowachen Schulen“ moderiert. Als zweite Irritation hat uns die Realität der Krisen im noch jungen 21. Jahrhundert viel schneller eingeholt, als wir Zukunft überhaupt denken konnten. Mit Finanz­krisen (und damit weniger Geldern für öffentliche Haushalte), Pandemie (und damit einer Schock­welle der Digitali­sierung) und Klimakrise (und damit endgültig zwingenden Rahmen­bedingungen für das Nicht-Bauen) kam dreimal vieles anders. Auch in den nächsten Jahr­zehnten wird immer wieder vieles anders kommen. 

Dominik Eisenmann Eine große Heraus­forderung sehe ich darin, dass es uns noch immer nicht gelungen ist, die vielen Motive für Veränderung und zukünftige Anforderungen an uns Menschen, die noch dazu teilweise komplett im Wider­spruch zueinander stehen, gesamt­heitlich zu denken und zu bewältigen. Im Unterricht sollten Lehrende nämlich stets vor Augen haben, dass die heutigen Kinder Kompetenzen und Fähigkeiten erlernen müssen, welche es ihnen als Erwachsenen ermöglichen, die zukünftigen Probleme zu lösen. Dazu zählen für mich unter anderem Veränderungs- und Innovations­kompetenz. 

BP Die Zusammenhänge zwischen Pädagogik und Raum werden heute viel besser verstanden als noch vor 15 Jahren. Zugleich begleiten uns Themen wie , Ganz­tags­schule und Chancen­gerech­tigkeit im Bildungs­bereich schon ganz lange und wir schaffen es nicht, sie zufrieden­stellend zu lösen. Es haben sich nur zarte Pflanzen wie Pilot­vorhaben entwickelt. 

CP Wie können künftige Lernwelten also der gesell­schaftlichen Diversität gerecht werden und was kann Archi­tektur dazu beitragen? 

CK Ein Problem sehe ich darin, dass unser Schul­system relativ teuer ist – wie zahlreiche OECD-Studien zeigen –, vor allem bei den Personal­kosten. Immer mehr Personal kann wahr­scheinlich nicht die Lösung sein, sondern es braucht strukturelle Veränderungen. Wie geht man zum Beispiel mit der Hetero­genität um, wenn etwa in Wien die Hälfte der Schüler:innen in der ersten Klasse Volks­schule dem Unterricht auf Deutsch nicht folgen kann? Soweit es dabei um Asyl­werber:innen oder Asyl­berechtigte geht, erscheint es mir sinnvoll und legitim, diese Schüler:innen – und damit ihre Eltern – so über Österreich zu verteilen, dass auch Schulen außerhalb von Ballungs­räumen, die weniger unter Druck sind, einen Teil der Belastung aufnehmen. Das sind ganz schwierige Wirkungs­zusammen­hänge und Ziel­konflikte, mit denen wir uns auseinander­setzen müssen. 

BP In Deutschland gibt es jetzt Bemühungen wie das neue Start­chancen-Programm, das hoffentlich helfen wird, Chancen­gerechtigkeit im Bildungs­system zu verbessern und gleichzeitig die gebaute Lern­umgebung, vor allem an Schulen in heraus­fordernder Lage, zukunfts­gerichtet umzubauen und zu verschönern. In der Schul­archi­tektur haben wir in den letzten Jahren allerdings additiv gedacht, also – etwas zugespitzt formuliert – für neue Heraus­forderungen neue Räume entwickelt: Inklusions­raum, Ganztags­raum und dann brauchen wir wahr­scheinlich auch einen Raum für Bildung im Bereich nach­haltige Entwicklung. Wir müssen umdenken, müssen mehr die räumlichen und personellen Ressourcen, die im Quartier vorhanden sind, nutzen. Auch bieten schul­fremde Typologien Potenziale zur Umnutzung. Der Umbau könnte einfacher und kosten­günstiger sein als jener der Klasse-Gang-Schulen, deren Anpassung an zukunfts­gerichtete päda­gogische Anforderungen sehr aufwendig ist. Alle Investitionen, die jetzt erfolgen, müssen gebunden sein an Qualitäten, die eine zukunfts­fähige Pädagogik mit einer zukunfts­fähigen und qualität­vollen Archi­tektur verbinden. 

AM Die meisten beziehungsweise Bildungs­land­schaften werden gerade gebaut oder sind in Planung. Was die wirklich leisten, ist aus meiner Sicht noch total offen. Auch die Bestands­frage ist spannend, denn die Masse an Schulen ist bereits gebaut. Die meisten sind nicht Teil eines Bildungs­verbundes, und man muss ganz klar sagen, dass die Krisen da sind: Wir haben in Deutsch­land ländliche Regionen mit massivem Rechts­ruck, wir haben eine dynamische Zuwanderung, wir haben vor allem in Städten das Problem, dass einfach nicht genug Schul­raum da ist und wir auf ganz andere Flächen ausweichen müssen. Ich habe Hoch­achtung davor, was wir gerade leisten und was insbesondere Pädagog:innen in dieser Situation leisten. Wir haben heute alles andere als jene homogene Schüler:innen­schaft, die etwa lange Zeit das gute Abschneiden skandi­navischer Länder beim PISA-Test ermöglicht hat. In unserer heutigen gesell­schaftlichen Hetero­genität und Diversität benötigen wir Lern­umgebungen, die inklusives, integratives, inter­kulturelles Lernen ermöglichen. Aus archi­tekto­nischer Sicht stellt sich auch die Frage: Wie gehen wir mit der Diversität von Bau­substanz um? Welche Lern­umgebungen lassen sich schaffen, die sowohl formelles als auch informelles Lernen gleicher­maßen ermöglichen – auch jenseits schulischer Räume, etwa in Bibliotheken, Jugend­zentren oder an öffentlichen Orten? Inwiefern lassen sich dort neue päda­gogische Konzepte realisieren und wie können diese räumlich deutlich besser unter­stützt werden? Wie können Päda­gogik, Archi­tektur und Planung dabei noch intensiver zusammen­arbeiten? 

MZ Das Angebot an Architekturen für Bildungs­systeme sollte vielfältig sein. Durch Diversität räumlicher Infra­strukturen beispiels­weise hinsichtlich ihrer dann zunehmend nicht standardi­sierten Atmosphären würde ein „Raum-Lernen“ mit in das System einfließen. Es sollte Kleinst­schulen genauso geben wie Bauern­höfe als Auszeit­stütz­punkte für Bildungs­regionen, Schulen in ehemaligen Kauf­häusern, Lager­hallen, Gewerbe­bauten oder auch Schulen, die nur mehr Kern­räume zur Verfügung stellen und Raum­ressourcen in ihrem Stadtteil temporär nutzen. Immobilien­vielfalt würde den Umgang mit Vielfalt insgesamt fördern. Statt allein auf Hardware­standards im Neubau sollten wir auch auf Standards im Umgang mit Bestands­hardware setzen, denn diese „zwingt“ Bund und Länder, anders zu denken und zu handeln. 

LK Bildung geht über den Raum als Gebäude hinaus, also hinaus ins Freie, in den Frei-, Grün- und Natur­raum. Entscheidend ist, was in den Räumen gemacht wird und wie die Menschen ticken, die dort zusammen­kommen. Was tut den Menschen wirklich gut, was bringt sie zusammen? Deshalb ist ja auch das oberste Lernziel in der Bildung für nach­haltige Entwicklung, dass die Lernenden selbst beginnen, kritische Frage­stellungen hinsichtlich Zukunfts­entwicklung zu stellen, um sich eine neue, andere Zukunft überhaupt vorstellen zu können. 

DE Da stimme ich zu. Bildung muss gelebt werden und dabei geht es besonders heute um kritisches Denken, um Meinungen, die auf Fakten beruhen. Eine Archi­tektur der offenen Räume kann auch das Denken öffnen, das lässt sich sehr gut nachvollziehen. Als Student habe ich selbst an der neuen Wirtschafts­universität Wien die Erfahrung gemacht, dass das Lernen und der Aufenthalt in offenen Räumen sehr angenehm und förderlich sind. 

CP Und welche Rolle spielt der techno­logische Wandel für unsere Zukunfts­visionen von Bildung und für künftige Lernwelten? 

MZ Technologischer Wandel wird als Wandel an sich eine Fixgröße sein. Im Bereich der Digitalität zeigt sich mittlerweile im Fünf­jahres­rhythmus, wie schnell Veränderungen in alltäglichen Realitäten ankommen, auch wenn ihre Wurzeln manchmal Jahr­zehnte zurück­reichen (zum Beispiel Künstliche Intelligenz). Das Gute ist hier, dass allein schon deswegen ehemals eher träge, gegen Veränderung resistente Bildungs­welten dynamischer mit der Welt verbunden sind. Die Chance wird sein, sich an wichtigen Orten im System bewusst für Stabilität zu entscheiden (soziale Umsorge, persönliche Hinwendung), um sich an anderen beweglich zu halten (örtliche Unab­hängigkeit, indivi­duelle Differen­zierung). Wenn wir also beispiels­weise mit der Digitali­sierung auch das Analoge kultivieren, erhöhen wir unsere Chancen auf gute Entwicklung. 

AM Mit dem technologischen Fortschritt – insbesondere durch digitale Tools und hybride Formate – sehe ich die Möglich­keit, mehr als bisher auf unter­schied­lichste Lern­typen einzugehen und zu ermöglichen, dass der Gemein­sinn im Lernen – soziales Lernen heißt zusammen lernen –, aber auch der Eigensinn im Lernen deutlich mehr Raum bekommen – und da rede ich auch vom physischen Raum und von anderen Zeitlich­keiten, in denen Räume bespielt werden. Die Möglich­keiten des hybriden Lernens und der hybriden Lernwelten auszuloten, ist eine riesige, auch baulich-gestalterische Zukunfts­aufgabe.

BP Mit der zunehmenden Digitalisierung bekommen das Hand­werken und das Gestalten mit den Händen in der Schule wieder eine andere Bedeutung. Zugleich sollten alle Zugang zu digitalen Infra­strukturen und Medien haben und kompetent damit umgehen können, auch die Erwachsenen. Die digitale Technik und Medien sollten an den richtigen Stellen eingesetzt werden, sodass eine Kultur der Digitalität entsteht, die einer Weiter­entwicklung im Kontext von Bildung und Archi­tektur dienlich ist. Der gebaute Raum als Ort des Wohl­befindens, des informellen Austauschs und der baukulturellen Bildung gewinnt so an Bedeutung. 

CP Wie lässt sich zusammenfassend die kritisierte Veränderungs­resistenz im Bereich von Bildung und Archi­tektur überwinden, sodass eine sozial-ökologische Trans­formation ermöglicht und zugleich die Resilienz der Gesellschaft in Krisen gestärkt wird? 

MZ Wir werden die Zukunft von Bildungs­räumen neu denken müssen – schlicht, weil im Zuge der Bauwende das Neubauen in den Hinter­grund treten wird. Das ist eine enorme, auch atmosphärische Chance für Bildungs­räume, weil „andere Bestands­energien“ gewisser­maßen Frischluft ins System bringen werden. 

CK Die ROSE, eine Schule in der Tabakfabrik Linz, einem Industriebau von Peter Behrens und Alexander Popp aus den 1930er-Jahren, (→ Projekt 45) ist ein Muster­beispiel für eine solche Bestands­trans­formation. Bauen im Bestand bewahrt die Archi­tektur auch vor über­triebenem Perfektionismus. Weiter­bauen animiert dazu, nicht abschließend zu denken, manche Dinge offen­zulassen und damit insgesamt erweiterungs­fähig zu bleiben. 

BP Ich finde es spannend, dass wir in Zukunft weniger oder vielleicht gar nicht mehr neu bauen werden, sondern Bestands­bauten, auch schul­fremde Typo­logien, umnutzen, umbauen und erweitern werden. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir die unter­schiedlichen Nutzungen kombinieren und Synergien bilden können, vielleicht kommt noch eine Universität dazu, ein MINT-Labor, eine Bibliothek, die sich alle teilen, ein Makerspace und vieles mehr – und plötzlich haben wir in den Innen­städten hybride Bildungs­häuser. Das wird nur gelingen, wenn wir kollaborativ arbeiten und über die Zuständig­keiten und Abteilungen hinweg projekt­orientiert denken und handeln. Erste Ansätze sind schon in der Umsetzung. Das Ganze in die Breite zu bringen, ist allerdings verbunden mit einem anderen Umgang mit Bestands­gebäuden, anderen Normen und Standards, anderen Planungs­abläufen und Mut. 

AM Dabei möchte ich hervorheben, dass die Innovation auch aus dem Bildungs­bereich selbst kommen und in die päda­gogische Breite getragen werden muss. Um bessere Lern­umgebungen zu schaffen, sind Planung und Archi­tektur Teil des Dialogs über päda­gogische Konzepte und räumliche Möglich­keiten geworden. Dieses Dialogische ist aus meiner Sicht sehr bedeutsam und hier sehe ich noch immer einen enormen Bedarf. 

DE Wenn das so groß gedacht werden kann und wenn sich das tatsächlich bewerk­stelligen lässt, finde ich das eine sehr spannende Zukunfts­vision: Die Vorstellung von vielseitigen Bildungs­häusern und Lern­räumen, die auch zu sozialen Treff­punkten werden, wo gesell­schaftlicher Austausch ermöglicht wird, wo aber auch formale Bildung stattfinden kann. 

LK Auch die breite Öffentlichkeit in diese Bildungs­räume und Bildungs­prozesse mitein­zu­beziehen wäre – nicht zuletzt im Sinn des lebens­langen Lernens – eine wichtige Sache. Zwar sollten nicht alle einfach in eine Schule hineingehen können, aber vielleicht bis zu einem gewissen Punkt, wo es gemeinsame Räume und Möglich­keiten des Austausches gibt. Dort könnten Schüler:innen Zukunfts­themen vermitteln und die Öffent­lichkeit mit ihnen in Diskussion treten. Das wäre spannend.

 

Dominik Eisenmann studierte Lehramt an der Universität Wien sowie International Relations an der Donau-Universität Krems. Von 2020 bis 2024 war er Bildungs­beauftragter in der Ukraine. Seit 2024 leitet er die Inno­vations­stiftung für Bildung, die innovative Bildungs­projekte fördert, Kooperation zwischen öffentlichen und privaten Stake­holdern anregt und Bewusst­seins­bildung für Bildungs­innovation unterstützt.
www.innovationsstiftung-bildung.at

Lars Keller ist Professor für Bildung für Nach­haltige Entwicklung und ihre Didaktik an der Universität Innsbruck. Er leitet die Forschungs­gruppe „Bildung und Kommunikation für Nach­haltige Entwicklung“ und forscht zu Klimabildung, trans­diszi­plinärer Bildung sowie Geographie- und Wirtschafts­unterricht. Mit einer Vielzahl an nationalen und inter­nationalen Forschungs­projekten und Publikationen sind er und seine AG renommierte Vertreter:innen dieser Bereiche.
www.uibk.ac.at/de/geographie

Christian Kühn studierte Architektur an der TU Wien und der ETH Zürich. Seit 2001 ist er Professor für Gebäude­lehre an der TU Wien mit einem Schwer­punkt im Bildungsbau. Von 2008 bis 2023 war er Studien­dekan für die Studien­richtungen Archi­tektur und Building Science. Er ist Architektur­kritiker für Fach­zeitschriften und Tageszeitungen. Seit 2015 ist er Vorsitzender des österreichischen Beirats für Baukultur.
www.baukultur.gv.at, www.gbl.tuwien.ac.at

Angela Million ist Professorin für Städte­bau am Institut für Stadt- und Regional­planung der TU Berlin sowie Direktorin des DAAD Global Center of Spatial Methods for Urban Sustaina­bility. Sie forscht zu multi­funktionalen Infra­strukturen, baukultureller Bildung und Bildungs­land­schaften, aktuell zu Neuro­urbanismus und dem Wandel des Raum­wissens von Kindern und Jugend­lichen.
www.tu.berlin/staedtebau, www.neurourbanistik.de, www.gcsmus.org

Barbara Pampe ist seit 2019 gemeinsam mit Meike Kricke Vorständin der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Sie studierte in Bordeaux, Weimar, Delft und Stuttgart Architektur und Inter­nationales Projekt­management. 2011 gründete sie gemeinsam mit Vittoria Capresi „baladilab“. Sie ist tätig in der Lehre im In- und Ausland sowie als Fach­preis­richterin bei Wettbewerben und ist Mitglied des Landes­beirat Schulbau in Berlin.
www.montag-stiftungen.de/ueber-uns/montag-stiftung-jugend-und-gesellschaft

Michael Zinner studierte Architektur an der TU Wien und ist seit 2018 Professor für Entwerfen an der Kunst­uni­versität Linz. Bis 2004 war er Gründungs­architekt bei querkraft. Im Rahmen seiner Dissertation erprobte er mit nonconform die ideen­werkstatt an Schulen. Seit 2019 engagiert er sich im evange­lischen Ober­stufen­real­gymnasium ROSE. Er ist Chef­redakteur und Heraus­geber der Zeitschrift notizen zu Architektur und Bildung.
www.schulRAUMkultur.at, www.nab-notizenarchitekturbildung.net