Evangelisches ORG ROSE Linz
Diese Schule ist natürlich ein Sonderfall. Eine Ausnahme. Unwiederholbar. Aber wer einen Tag hier verbracht hat, der ahnt: Genau so könnte die Schule des 21. Jahrhunderts tatsächlich aussehen. Es müssen nur reformpädagogischer Elan und entspannte Architektur aufeinandertreffen.
ROSE – ein Akronym der Begriffe Reformpädagogik, Oberstufe, Steyr, Evangelisch – ist ein ungewöhnlicher Name für eine Schule. In der Stadt Steyr 2014 als evangelische Privatschule gegründet, übersiedelte die ROSE im Frühjahr 2022 nach Linz in die denkmalgeschützte, Anfang der 1930er-Jahre von Peter Behrens und Alexander Popp entworfene ehemalige Tabakfabrik. Hier versuchte die Stadt Linz gerade, die alten Fabrikhallen zu einem Zentrum der Kreativwirtschaft zu entwickeln. Mit ihrem künstlerischen Schwerpunkt passte die ROSE perfekt in dieses Umfeld.
Die ROSE ist eine kleine Schule mit rund 120 Schüler:innen und 20 Lehrkräften und damit in der Personenzahl mit einem Cluster vergleichbar, wie er etwa in den Wiener Campusschulen üblich ist. In der ROSE gibt es auf insgesamt 700 Quadratmetern für jeden Jahrgang der gymnasialen Oberstufe einen Raum und zusätzlich eine Übergangsstufe für Schüler:innen, die davor noch etwas Schwung holen müssen. Im Grundriss sehen diese Räume aus wie normale Stammklassenräume. Allerdings sind die Wände dazwischen weitgehend verglast und Türen gibt es nicht, stattdessen Raumtrenner als „identitätsstiftende Selbstmöblierung“, teilweise aus angekauften Altmöbeln gebaut. Im Alltag verlangt das Toleranz und eine akustische Kultur, die sich auch darin manifestiert, dass den Schüler:innen Kopfhörer, zum gemeinsamen Konsum audiovisueller Medien, aber auch zur Schaffung konzentrationsfördernder Ein-Personen-Lerninseln, zur Verfügung stehen.

Das architektonische Konzept der ROSE, das von der Schulleitung und der Schulbauforschung gemeinsam entwickelt und mit dem Team und den Jugendlichen punktuell rückgekoppelt wurde, sieht mehrere Bezugsebenen vor: erstens die Ebene der Selbstmöblierung, auf die der Architekt und die Schulleiterin, die selbst eine künstlerische Ausbildung hat, nur anregend Einfluss nehmen, und zweitens die Ebene der präzise gesetzten Einbauten in den konstruktiven Raster der Tabakfabrik unter Verwendung von industriellen Materialen wie eingefettetem Stahl, gehärtetem Glas, unbehandeltem Sperrholz und biologischem Filz. Dass es gelang, das Denkmalamt davon zu überzeugen, die Vergrößerung von Fensteröffnungen bis auf Sitzbankhöhe zu erlauben, trägt wesentlich zum Raumerlebnis bei.
Weitere Ebenen sind das Quartier der Tabakfabrik, in dem die ROSE ein Biotop aus Ateliers, Fotostudios, Tonstudios und Werkstätten vorfindet, und schließlich der Stadtteil, in dem die Schule ihre Sonderunterrichtsräume für Sport, Musik und vieles andere mehr nutzt, abgesichert durch Kooperationsverträge und Zutrittsentgelte. Lediglich einen multifunktionalen Laborraum für größere Gruppen gibt es – nur durch ein Treppenhaus getrennt – im eigenen Raumverband.

In diesem Setting kann und muss Lernen anders laufen als gewohnt. Der Tag beginnt für alle mit 20 Minuten persönlichem Lernen oder Sich-Organisieren. Mittags wechselt sich regulär klassenbezogenes Arbeiten mit wählbar fachbezogenem Lernen ab. Freitags fließen im Projekttag viele Fächer ineinander, die im sechswöchigen Rhythmus projektbezogen kooperieren. Die Maturaklasse ist als konzentriertes klausurales Jahr rund um die Hauptfächer und den Kunstschwerpunkt konzipiert.
Dieses stringente didaktische Konzept entfaltet sich in einer entspannten Atmosphäre, einem „Ort der Gastfreundschaft“, vom Empfangstresen über die Sofagruppen bis zur Küche, die zugleich als Teamraum fungiert. In dieser Schule gedeihen – so darf man hoffen – offene, gastfreundliche Menschen.
[ Evangelisches Oberstufenrealgymnasium ROSE, Linz ] Architektur und Kunst: Schulleitung der ROSE (Ulrike Schmidt-Zachl) gemeinsam mit der Forschungsplattform schulRAUMkultur an der Kunstuniversität Linz (Architekt Michael Zinner) in „transonymer Autorenschaft“. Bauherrschaft: Evangelischer Schulerhalterverein Linz. Tragwerksplanung: DI Dr. Karlheinz Wagner & Co ZT-KG. Landschaftsarchitektur: studio blaugruen. Art der Vergabe: Ergebnis langjähriger Zusammenarbeit. Planungs- und Bauzeit: 2021–2022. Nutzfläche: 700 m² im Hauptgebäude und im Nachbarhaus als Ateliers, zusätzlich 5 000 m² mitgenutzte Flächen in einem Radius von ca. 10 Gehminuten über Kooperationsvereinbarungen, Mitgliedsbeiträge oder Eintritte. Adresse: Peter-Behrens-Platz 4, 4020 Linz, Oberösterreich.