Beiträge des Bildungsbaus zur Bewältigung ökologischer Krisen
Es ist unleugbar, dass Veröffentlichungen wie „Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“ von 1972, der Brundtland-Bericht Unsere gemeinsame Zukunft von 1987 oder die Protokolle der Vereinten Nationen von Rio 1992 und Kyoto 1997 seit über 50 Jahren eindringlich vor einer zunehmenden Bedrohung unserer Lebensgrundlagen warnen. Zu häufig wurden Problemlagen wie die Erderwärmung, der Verlust an Arten oder die Anreicherung von Kunststoff in der Biosphäre dargelegt, diskutiert und kommentiert, um nicht hinreichend bekannt zu sein.
Transformation durch Gestaltung
Ebenso unleugbar ist aber auch, dass weder dieser weitreichende Aufwand zur Bewusstseinsschaffung noch der breite Diskurs oder die immer offensichtlicheren Umweltschäden zu jenem grundlegenden systemischen Wandel geführt haben, der notwendig ist, um einen Ausgleich zwischen sozialen Erfordernissen und wirtschaftlichen Interessen im Rahmen der ökologischen Belastungsgrenzen unseres Planeten zu erreichen und Gestaltungsspielräume für ein gutes Leben offen zu halten. Aktuell ruft der Hinweis auf die Existenz ökologischer Krisen oder die sich daraus ableitende Dringlichkeit entsprechenden Handelns häufig Reaktionen von Aggression bis Apathie hervor. Dieses Verhalten kann als struktureller gesellschaftlicher Schutzmechanismus vor Veränderungen gedeutet werden. Das führt paradoxerweise dazu, dass eben jene gestaltenden Transformationsprozesse, wie sie etwa der Green New Deal vorgezeichnet hat, hinterfragt und kurzfristigen oder sektoralen Interessen nachgeordnet werden, wodurch unsere Einflussmöglichkeiten schwinden.

Die Baukultur positioniert sich in diesem Spannungsfeld, und die Fachdiskussion ob, wie und was das Bauen und damit auch der Bildungsbau zu Klimaneutralität, Kreislauffähigkeit, Energieeffizienz oder Biodiversität beitragen kann, wird bis ins Detail geführt. Ökologisch ausdifferenzierte Bewertungssysteme von spezifischen Labels über förderungsrelevante Zertifizierungen bis hin zu finanzwirtschaftlichen Instrumenten wurden eingeführt. Sie zeigen inhärente Logiken betreffend die Setzung von zeitlichen und räumlichen Systemgrenzen, die Körnung und Aussagekraft der verwendeten Datengrundlage, die Umfänglichkeit der einzubeziehenden ökologischen Aspekte oder die Aggregation der Ergebnisse. So wird, um nur ein Beispiel aus dem Bereich des Klimaschutzes zu nennen, der Umfang des für den Bausektor noch verfügbaren Treibhausgasbudgets laufend und zu Recht wissenschaftlich verhandelt. Diskutiert wird, welche Teile eines Gebäudes in eine Treibhausgasbilanz einzubeziehen sind: nur die tragende Konstruktion oder auch die Elemente des Ausbaus, der Haustechnik, der Außenanlagen und der durch das Bauvorhaben induzierte Verkehr? Welcher Betrachtungszeitraum soll für die Berechnungen angenommen werden? Welche Umweltwirkungen sind über den Klimaschutz hinaus zu berücksichtigen: die Versauerung der Meere, die Humantoxizität, die Veränderung der Landnutzung …?
Auf der sich im Diskurs etablierenden Wissensgrundlage etwa zum Umgang mit nachhaltigen Materialien, einer klimawandelangepassten Baukörperkonfiguration oder der Anwendung regenerativer haustechnischer Anlagen werden ambitionierte und wegweisende Gebäude realisiert.
Dabei darf nicht der Eindruck entstehen, dass Nachhaltigkeit als Qualität des Bauens einfach erreichbar oder gar Standard wäre. In diesem Sinn gelungene Beispiele stellen eine hochgradig zu würdigende Leistung dar.
Das Ziel, breit getragene und wirksame Veränderungen anzustoßen, braucht dennoch etwas, das über den Fachexpert:innenkreis und das Bauen im engsten Sinn hinaus anschaulich ist. An dieser Stelle soll daher erörtert werden, ob und wie Bildungseinrichtungen mit der ihnen eigenen räumlich-pädagogischen Programmierung speziell auch im Zusammenwirken des Gebauten selbst mit engagierten und aufgeschlossenen Nutzer:innen zum Gelingen einer zukunftsfähigen Gesellschaft beitragen können.
Kristallisationspunkt ländliche Entwicklung
Verstehen wir Nachhaltigkeit als Konzept des Offenhaltens von vielfältigen Handlungsspielräumen, gilt es zu fragen, welche wesentliche Prägung sich aus der faktischen Verortung von Bildungseinrichtungen für junge Menschen in der ländlichen Peripherie ergibt. Als individuelle Erfahrung verfestigt sich, dass Bildung, wenn am Wohnort Kindergärten fehlen oder Volksschulen geschlossen werden, woanders stattfindet. Kinder aus der eigenen engsten Nachbarschaft treffen nach der Fahrt mit dem Auto oder dem Bus an einem anderen, größeren, offenbar potenteren Ort zusammen, um zu lernen. Dazu kommt, dass Erwachsene ihre Kinder aus Sorge um deren Sicherheit in den letzten Jahren zunehmend mit dem Auto in die Schule bringen. So entstehen nicht nur zusätzliche Verkehrs- und Umweltbelastungen, sondern die Kinder gelangen nicht mehr selbstbestimmt in die Schule und sehr früh manifestiert sich so eine räumliche Trennung wesentlicher Funktionen als Lebensrealität. Bestanden im Schuljahr 1970/71 noch 3 973 Volksschulen in Österreich, waren es im Schuljahr 2022/23 nur mehr 3 013. Daraus resultiert eine tiefgreifende Lernerfahrung abseits der Intention jedes Lehrplans und zum Nachteil einer zukunftsfähigen Entwicklung speziell des peripheren ländlichen Raums.
Dass durch die Zentralisierung von Schulen ein umfangreicheres und differenzierteres Lehrangebot realisiert werden kann, mag korrekt sein. Es bleibt aber zu diskutieren, ab wann die daraus resultierenden Vorteile die Einbußen aus einer Trennung von Lernort und Wohnort überwiegen. Oftmals werden kleine Standorte aufgegeben, weil die Mittel für nötige Investitionen und laufende Kosten schwierig aufzubringen sind und es an Personal fehlt. Demgegenüber gilt es, die gesellschaftlichen Effekte abzuwägen, die das Fehlen beziehungsweise der Verlust von Bildungseinrichtungen der der Elementar- und Primarstufe als potenzielle Kristallisationspunkte des Austauschs und der Identitätsstiftung für kleine Gemeinden nach sich ziehen.

Lernlandschaft als realer Raum
Den Freiluftschulbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts mit ihren differenziert zu betrachtenden sozial- und heilpädagogischen Ansätzen war der experimentelle Umgang mit Lernumgebungen gemeinsam. Sie nutzten den Außenraum intensiv und entwickelten neue Architekturkonzepte. Den Aufenthalt im Freien in einem naturnah geprägten Umfeld als selbstverständlichen Aspekt im Bildungsbau wieder zu berücksichtigen, erscheint im Licht aktueller Entwicklungen und im Sinne der Nachhaltigkeit dringlich. Das zeigt sich aktuell in den Prinzipien, deren Umsetzung die Initiative Schulfreiraum des ÖISS einfordert. Diverse geänderte technische Rahmenbedingungen, etwa die einfache Verfügbarkeit von für Sehaufgaben ausreichend geeignetem Kunstlicht, haben dazu geführt, dass wir, anders als frühere Generationen, den überwiegenden Großteil unserer Lebenszeit konsequent in geschlossenen Innenräumen verbringen. Das hat nachweislich negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Darüber hinaus entwickelt die gegenwärtige Generation als erste das Bild der eigenen Umwelt von frühester Kindheit an zunehmend mittelbar über digitale Medien und abseits einer physischen Realität.
Bildungsbauten zu Lernlandschaften zu transformieren, in denen Innen- und Außenräume gleichermaßen sorgsam konzipiert, gepflegt und als pädagogische Option verstanden werden, wäre eine niederschwellige Möglichkeit, ein gewisses Grundverständnis für ökologische Zusammenhänge zu entwickeln. Kulturtechniken, etwa die Anzucht von Pflanzen, die Belebung von Boden oder der Einsatz von Nützlingen könnten durch praktische Erfahrung erlernt werden. Dieser Ansatz gelingt, wenn er in das Selbstverständnis des Schulbetriebs übergeht. Dazu kann der Bildungsbau beitragen. Darüber hinaus ist aber auch eine tiefgreifende pädagogische Verankerung erforderlich, wie es sie aktuell nur selten gibt.
Die Lernlandschaft böte darüber hinaus Platz für blaugrüne Infrastrukturen, wo Pflanzen und Wasser zusammenwirken, um zur Moderation des Klimas vor Ort und zum Funktionieren eines lokalen Wasserhaushalts beizutragen. Durch die Anlage geeigneter Biotope könnte der Erhalt biologischer Vielfalt begreifbar unterstützt werden. Und nicht zuletzt soll daran erinnert werden, dass die Option, Freiräume im Kontext von Bildungsbauten zu nutzen, in Zeiten der COVID-19-Pandemie den Unterricht ermöglichte und damit Schulen zu resilienten Orten machte.

Schulautonomie und der Gebäudebestand
Der konsequente Umgang mit dem Bestand gilt mehr und mehr als Schlüssel zur Verwirklichung von Nachhaltigkeit im Bauen. Eine entsprechende Transformation der baukulturellen Praxis scheint geboten und zeigt sich bereits in ersten Beispielen. Dennoch scheitert die Erhaltung von Bildungsbauten und erst recht die Umnutzung von Beständen für den Gebrauch durch Bildungseinrichtungen noch zu häufig am Festhalten an Raumprogrammen, die für den Neubau entwickelt wurden, oder an Erfordernissen, die für zeitgemäße Unterrichtsformen nicht mehr zwingend sind. Für ein größeres Ausrollen von Umnutzungen braucht es Prozesse, die es ermöglichen, sich von Nutzer:innenseite mit völlig anderen Raumkonzepten auseinanderzusetzen und auf diese einzulassen. Im Sinne der baukulturellen Leitlinie 6 des Bundes wären darüber hinaus die Anpassung, Harmonisierung und Vereinfachung von Bauregelwerken zu forcieren, um Bildungsbauten vermehrt im Bestand unterbringen zu können.
Kreative und gemeinsame Planungsprozesse im Rahmen von Schulautonomie, qualifizierter architektonischer Gestaltung und innovationsoffener Bildungs- und Baukulturpolitik können die Potenziale von Bestandsobjekten realisieren und Bildungsumgebungen generieren, die von Standardvorgaben abweichen.
Angesichts des umfangreichen Leerstands in Ortskernen oder in städtischen Erdgeschoßzonen, von vormals kirchlich genutzten Beständen oder ehemaligen Gewerbe- und Industrieanlagen gilt es, aufbauend auf pädagogischen und gestalterischen Kompetenzen, Vielfalt im baulichen Ergebnis zuzulassen und zur Nutzung zu ermutigen.

Ökologie als inhärentes Konzept
Exzellente Beispiele ökologischen Bauens finden sich schon lange speziell im Bereich von Einrichtungen der Elementarpädagogik. Neben der Vermeidung von Umweltbelastungen durch Treibhausgasemissionen, der Verwendung nachwachsender Rohstoffe und der Reduktion von Schadstoffen geht es hier stets um das Leben in einer von nachhaltigen Materialien geprägten Umgebung und eine damit verbundene niederschwellige Vermittlung von Qualität.
Einen bis dato kaum beachteten, aber umso bemerkenswerteren Beitrag zum Klimaschutz leisten Bildungsbauten darüber hinaus durch das nur scheinbar selbstverständliche Mobilitätsverhalten ihrer Nutzer:innen. So wird jungen Menschen an einem Ort, der jahrelang verpflichtend aufzusuchen ist und in dieser Hinsicht einem Arbeitsplatz ähnlich ist, die umfassende Nutzung des Umweltverbundes zugetraut. Dieses Potenzial könnte durch entsprechende Infrastrukturen wie Schulbusse, sinnvoll getaktete öffentliche Verkehrsmittel oder gemeinschaftliche Organisation gehoben werden. Aktuell orientieren sich die Stundenpläne aber häufig am Verkehrsangebot.
Auch große Bildungseinrichtungen mit entsprechend umfangreichem Mobilitäts- bzw. Verkehrsaufkommen kommen zumeist ohne großflächige Parkplätze und Tiefgaragen aus. Das bedeutet weniger Bodenversiegelung und einen geringeren Einsatz von treibhausgasintensiven Baustoffen. Bildungsbauten sind somit beispielgebend für ökologische Nachhaltigkeit in Bezug auf Errichtung, Betrieb und induzierten Verkehr.

Bildungsbauten als Orte der Resilienz
Tatsächlich haben wir es global wie lokal verabsäumt, angemessen und zeitgerecht auf sich abzeichnende ökologische Krisen zu reagieren. Daraus ergeben sich zunehmende Risiken wie extreme Wettersituationen und deren Folgen – etwa Hochwasser, Murenabgänge oder Hagelschlag. Die Notwendigkeit, systemische Widerstandskraft, also Resilienz zu entwickeln, rückt in den Fokus des Handelns. Das entbindet uns aber nicht von der Verantwortung, den Ursachen der Bedrohung entgegenzuwirken. So ist die Umsetzung von Klimaschutz- und Klimawandelanpassungsmaßnahmen im Baubereich gleichermaßen sinnvoll und für den Erhalt entsprechender Lebensbedingungen von umfänglicher Bedeutung, während in einem fatalistischen „weiter wie bisher“ nicht die Lösung, sondern die Vertiefung des Problems liegt.
Bildungseinrichtungen sind als frequentierte und im Bewusstsein verankerte Orte des Gemeinwesens in Hinblick auf die Gewährleistung von Resilienz von besonderer Bedeutung. Die Standorte von Bildungsbauten sind daher sorgfältig und mit Bedacht zu wählen, damit sie für möglichst viele rasch und einfach erreichbar sind, im Fall von Extremsituationen Sicherheit bieten und dem Ausfall von Systemen, etwa der Stromversorgung, standhalten. Entsprechend sind sie baulich und haustechnisch so zu gestalten, dass sie Hitze und Kälte auch unter Ausnahmebedingungen abfedern können.
Bauten des Gemeinwesens und Bildungsbauten im Speziellen bringen zum Ausdruck und vermitteln, in welcher Weise wir uns als Gesellschaft einer zunehmend risikobehafteten Zukunft stellen. Nicht zuletzt wird es an der Qualität ihrer architektonischen Gestaltung und räumlichen Konzeption liegen, ob sie zu jenen Orten gehören, an denen auch in prekären Situationen Schutz und Geborgenheit gefunden, kreative Gedanken gefasst und positive Erfahrungen des Miteinanders erlebt werden können. Es soll uns bewusst werden, dass es derartige Zufluchtsorte brauchen wird und Bildungseinrichtungen dafür in besonderer Weise geeignet sein können.