Mittelschule Mittelweiherburg Hard
Der Betonbrutalismus und die schrille Buntheit der 1960er-Jahre wurden bei diesem Umbau in qualitätvolle Raumatmosphären und ein durchdachtes Farbkonzept übergeführt. War früher die Architektur der Pädagogik voraus, so stimmen beide nach 50 Jahren endlich überein.
In dieser Mittelschule in Hard bei Bregenz spiegeln sich die Reformtendenzen der 1960er- und 1970er-Jahre auf prototypische Weise wider. Der gesellschaftliche Anspruch auf „Bildung für alle“ manifestierte sich damals gleicheraßen in der Pädagogik wie in der Architektur. Forschungsgruppen erarbeiteten den Typus der Hallenschule und entwickelten die Grundlagen für innovative Bauweisen und flexible Raummodelle. In dieser Aufbruchstimmung war allerdings die Architektur oftmals der Pädagogik voraus. Der Umbau dieses Schulhauses konnte daher auf einem fortschrittlichen architektonischen Konzept aufbauen, das innovative Lehr- und Lernformen ermöglicht.
An der Fassade und im Außenraum wurde nur wenig verändert, dies jedoch mit großer Wirkung. So verschwimmen nun rundum die Grenzen zum öffentlichen Raum und machen Transparenz und Offenheit unmittelbar spürbar. Heutige Anforderungen an Brandschutz, Sicherheit und Barrierefreiheit wurden erfüllt und ansonsten der Fokus ganz nach innen gerichtet. Schon das Ankommen im Schulhaus durch den neuen Garderobentrakt ist nun ein vollkommen anderes, ein helles, freundliches, Willkommen heißendes, ermöglicht durch die Abgrabung des angrenzenden Geländes. In diesem untersten Geschoß liegt auch der Bereich für den Mittagstisch, wo die Verkehrsflüsse durch ein lang gezogenes, geschwungenes Sitzmöbel subtil gesteuert werden.


Treffpunkt und zentraler Verteiler im Schulhaus ist das Atrium am Kreuzungspunkt der beiden Gebäudetrakte. Der darüberliegende achteckige Luftraum verbindet alle Geschoße visuell miteinander – heute noch besser als einst, weil die massiven Stahlgeländer durch Glasbrüstungen ersetzt wurden, die Blickbeziehungen über die Stockwerke hinweg erlauben. Darüber ordnen sich geschoßweise je zwei Cluster à drei Klassenräumen an, die im ursprünglichen Gebäude schon angedacht waren, nun aber durch das Aufbrechen von Raumbarrieren zu echten Lernlandschaften wurden. Die Gestaltung folgt einer Schichtung der Öffentlichkeit von den gemeinsam genutzten, aktiven Galerieflächen mit Sitznischen und „Computerbars“ bis hin zu akustisch abgeschirmten Seminarräumen, die in jedem Cluster Rückzug ermöglichen.
Besonders überraschend und gelungen ist in diesem Schulbau der Umgang mit Materialität und Farbe. Wo früher Betonbrutalismus, grelle Buntheit und glattgebohnertes Linoleum regierten, herrscht jetzt eine harmonisch-differenzierte Atmosphäre, die gekonnt sehr unterschiedliche Oberflächen kombiniert: Das Betonskelett wurde sandgestrahlt und darf jetzt wieder in seiner natürlichen Rauheit wirken. Dazu wurde ein ausgeklügeltes Farbkonzept mit fast 50 abgestuften Tönen entwickelt, das sich selbstbewusst, aber harmonisch über Böden und Wände, Sanitärräume, Heizkörper und Sitzpolsterungen zieht. Die damit kombinierten Lärchenelemente bringen Wärme und Eleganz in das Gebäude. Die Farbe moduliert den Raum, während der ursprüngliche Charakter der Schule in seiner Essenz weiterleben darf.
[ Mittelschule Mittelweiherburg, Hard ] Architektur: gruber locher architekten ZT GmbH. Bauherrschaft: Marktgemeinde Hard. Tragwerksplanung: Mader & Flatz ZT GmbH. Farbkonzept: Monika Heiss. Art der Vergabe: Verhandlungsverfahren. Planungs- und Bauzeit: 2019–2023. Nutzfläche: 5 921 m². Adresse: Flurstraße 12, 6971 Hard, Vorarlberg.