Bildungscampus Anna und Alfred Wödl Wien
Ist es Zufall, dass viele Schulen dort errichtet werden, wo der Lärmpegel bereits hoch ist? Hier wird die Schule zur Schallschutzwand gegen die Eisenbahn. Eine nach Süden abgetreppte Terrassenlandschaft bietet viel Platz zum Lehren und Lernen an der frischen Luft.
In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Gleisen der Westbahn gelegen, hat dieser lang gestreckte Bildungscampus zwei Gesichter: ein strenges, wenn auch nicht abweisendes zum Bahngelände und ein fröhliches und einladendes mit vielen Terrassen auf der gegenüberliegenden Südseite. Der kompakte, fünfgeschoßige Baukörper ist an die nordwestliche Ecke des Grundstücks gerückt, um den vom Bahnverkehr abgeschirmten Freiraum zu maximieren. Dieser gliedert sich in zwei Bereiche: einerseits in einen öffentlich zugänglichen Quartiersplatz, der das bestehende Wegenetz erweitert, andererseits in einen abgezäunten Schulgarten mit zahlreichen Spielstationen, von denen ein Teil außerhalb der Schulbetriebszeiten von Jugendlichen aus der Nachbarschaft genutzt werden darf.
Den zwei Niveaus des Quartierplatzes entsprechen zwei Eingangsebenen ins Foyer des Campus, die über eine Sitztreppe miteinander verbunden sind. Unmittelbar anschließend befindet sich der Veranstaltungssaal, der bei Bedarf auch extern vermietet werden kann. Vom Foyer aus geht es über zwei gut auffindbare Treppen, die pro Geschoß zwei „Bildungsbereiche“ erschließen – im Wiener Campus als BIBER abgekürzt –, nach oben. Die Treppen sind so weit auseinandergeschoben, dass zwischen ihnen eine gemeinsame Mitte mit einem begrünten, über alle Geschoße reichenden Luftraum entsteht. Um Lufträume dieser Art müssen Architekt:innen kämpfen, da sie scheinbar Nutzfläche „verschenken“.


An diesem Beispiel lässt sich jedoch erkennen, wie wertvoll solche Räume sein können. Der Luftraum stellt Blickbeziehungen über alle Stockwerke her und wird damit trotz seiner bescheidenen Dimension zum verbindenden Herz der Anlage. Ein solches Herz braucht es gerade beim Campusmodell, wo sich Pädagog:innen eher ihrem BIBER zugehörig fühlen und den Kontakt zu den anderen Kolleg:innen verlieren können.
Auffällig am Grundriss sind die differenzierten Raumtypen. Das mag unter anderem dem Umstand geschuldet sein, dass der Campus einen Inklusionsschwerpunkt für hörbeeinträchtigte Schüler:innen anbietet, bei dem viel in Kleingruppen gearbeitet wird. Aber auch insgesamt gibt es vielfältige Raumkonfigurationen mit differenziert zugeordneten Abstell- beziehungsweise Sanitärbereichen. Der Campus ist ein Musterbeispiel für die Idee, ein Haus wie eine kleine Stadt anzulegen, als abwechslungsreiches System von Wegen und Plätzen mit unterschiedlicher Aufenthaltsqualität. Die großen Bildungsräume sind dabei nach Süden orientiert, während kleinere Räume für Projektarbeit und Arbeit in Kleingruppen an der Nord- und Ostseite liegen. Sichtverbindungen sind an den richtigen Punkten gesetzt, um Kontakt zu ermöglichen und trotzdem Störungen zu minimieren. Da sitzt dann manche Verglasung in der Raumecke und manches Fenster über der Augenhöhe der Volksschulkinder.
Seinen besonderen Charakter bekommt der Campus durch die südseitigen, jeweils über zwei Geschoße abgetreppten Terrassen. Aus dem einfachen rechteckigen Grundriss wächst hier eine vertikale Landschaft von großer Heiterkeit nach oben. Das liegt nicht zuletzt an den minzgrünen Geländern, die leicht diagonal zu einem Muster verschweißt sind, dessen Geometrie von der nächsten Fassadenebene, den Rankgerüsten, aufgenommen wird. Außen liegende Jalousien und Sonnensegel schützen die Bildungsräume und die Freibereiche vor sommerlicher Überhitzung.
[ Kindergarten, Volksschule und Mittelschule Anna und Alfred Wödl, Deutschordenstraße, Wien ] Architektur: Shibukawa Eder Architects ZT GmbH. Ausführungsplanung: Architekten Maurer & Partner ZT GmbH. Bauherrin: Stadt Wien. Tragwerksplanung: Vasko + Partner Ingenieure. Landschaftsarchitektur: Simma Zimmermann Landschaftsarchitektinnen. Art der Vergabe: Offener, zweistufiger Realisierungswettbewerb im Oberschwellenbereich. Planungs- und Bauzeit: 2017–2022. Nutzfläche: 17 000 m². Adresse: Deutschordenstraße 4, 1140 Wien.