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2022 43 Bildungscampus Anna und Alfred Wödl Wien ← zurück

Bildungscampus Anna und Alfred Wödl, Wien

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Bildungscampus Anna und Alfred Wödl Wien

Ist es Zufall, dass viele Schulen dort errichtet werden, wo der Lärm­pegel bereits hoch ist? Hier wird die Schule zur Schall­schutz­wand gegen die Eisenbahn. Eine nach Süden abgetreppte Terrassen­landschaft bietet viel Platz zum Lehren und Lernen an der frischen Luft.

In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Gleisen der Westbahn gelegen, hat dieser lang gestreckte zwei Gesichter: ein strenges, wenn auch nicht abweisendes zum Bahn­gelände und ein fröhliches und einladendes mit vielen Terrassen auf der gegen­über­liegenden Südseite. Der kompakte, fünf­geschoßige Baukörper ist an die nord­westliche Ecke des Grund­stücks gerückt, um den vom Bahnverkehr abgeschirmten Freiraum zu maximieren. Dieser gliedert sich in zwei Bereiche: einerseits in einen öffentlich zugänglichen Quartiers­platz, der das bestehende Wegenetz erweitert, andererseits in einen abgezäunten Schulgarten mit zahlreichen Spiel­stationen, von denen ein Teil außerhalb der Schul­betriebs­zeiten von Jugendlichen aus der Nachbar­schaft genutzt werden darf.

Den zwei Niveaus des Quartier­platzes entsprechen zwei Eingangs­ebenen ins Foyer des Campus, die über eine miteinander verbunden sind. Unmittelbar anschließend befindet sich der Veranstaltungs­saal, der bei Bedarf auch extern vermietet werden kann. Vom Foyer aus geht es über zwei gut auffindbare Treppen, die pro Geschoß zwei „Bildungs­bereiche“ erschließen – im Wiener Campus als abgekürzt –, nach oben. Die Treppen sind so weit auseinander­geschoben, dass zwischen ihnen eine gemeinsame Mitte mit einem begrünten, über alle Geschoße reichenden entsteht. Um Lufträume dieser Art müssen Archi­tekt:innen kämpfen, da sie scheinbar Nutzfläche „verschenken“.

Grundriss 1. Obergeschoß
Grundriss Erdgeschoß

An diesem Beispiel lässt sich jedoch erkennen, wie wertvoll solche Räume sein können. Der Luftraum stellt Blick­beziehungen über alle Stockwerke her und wird damit trotz seiner bescheidenen Dimension zum verbindenden Herz der Anlage. Ein solches Herz braucht es gerade beim Campus­modell, wo sich Päda­gog:innen eher ihrem BIBER zugehörig fühlen und den Kontakt zu den anderen Kolleg:innen verlieren können. 

Auffällig am Grundriss sind die differenzierten Raumtypen. Das mag unter anderem dem Umstand geschuldet sein, dass der Campus einen für hörbeein­trächtigte Schüler:innen anbietet, bei dem viel in Klein­gruppen gearbeitet wird. Aber auch insgesamt gibt es vielfältige Raum­konfi­gurationen mit differenziert zugeordneten Abstell- beziehungs­weise Sanitär­bereichen. Der Campus ist ein Muster­beispiel für die Idee, ein Haus wie eine kleine Stadt anzulegen, als abwechslungs­reiches System von Wegen und Plätzen mit unter­schiedlicher Aufenthalts­qualität. Die großen Bildungsräume sind dabei nach Süden orientiert, während kleinere Räume für Projekt­arbeit und Arbeit in Kleingruppen an der Nord- und Ostseite liegen. Sicht­verbindungen sind an den richtigen Punkten gesetzt, um Kontakt zu ermöglichen und trotzdem Störungen zu minimieren. Da sitzt dann manche Verglasung in der Raumecke und manches Fenster über der Augenhöhe der Volks­schulkinder. 

Seinen besonderen Charakter bekommt der Campus durch die südseitigen, jeweils über zwei Geschoße abgetreppten Terrassen. Aus dem einfachen rechteckigen Grundriss wächst hier eine vertikale Landschaft von großer Heiter­keit nach oben. Das liegt nicht zuletzt an den minzgrünen Geländern, die leicht diagonal zu einem Muster verschweißt sind, dessen Geometrie von der nächsten Fassaden­ebene, den Rank­gerüsten, aufgenommen wird. Außen liegende Jalousien und Sonnen­segel schützen die Bildungs­räume und die Freibereiche vor sommerlicher Überhitzung.

Christian Kühn

[ Kindergarten, Volksschule und Mittelschule Anna und Alfred Wödl, Deutsch­ordenstraße, Wien ] Architektur: Shibukawa Eder Architects ZT GmbH. Ausführungs­planung: Architekten Maurer & Partner ZT GmbH. Bauherrin: Stadt Wien. Tragwerks­planung: Vasko + Partner Ingenieure. Landschafts­architektur: Simma Zimmermann Landschafts­architektinnen. Art der Vergabe: Offener, zweistufiger Realisierungs­wettbewerb im Oberschwellen­bereich. Planungs- und Bauzeit: 2017–2022. Nutzfläche: 17 000 m². Adresse: Deutschordenstraße 4, 1140 Wien.