BG/BRG Sillgasse Innsbruck
Trotz des städtebaulich besonders dichten Umfelds schafft der neue Schulbau ein erstaunlich großzügiges und vielfältiges Raumangebot für die Schüler:innen und zugleich einen Mehrwert für den öffentlichen Raum rundum.
Die beengte Situation an der stark befahrenen, schmalen Sillgasse in der Innsbrucker Innenstadt war eine nicht gerade einfache Voraussetzung für den Neubau des bereits seit 1910 hier bestehenden Gymnasiums. Das Gebäude fügt sich klug in dieses schwierige Umfeld ein, indem es die gründerzeitliche Bebauung zwar ergänzt, aber durch Knicke und Schwenks des Baukörpers auf die Umgebung reagiert und neue städtebauliche Qualitäten erzeugt. Aus dem großen Volumen wird durch zwei trapezförmige Einschnitte ein dreiteiliger Baukörper, was die Maßstäblichkeit des Hauses und die Belichtungssituation der Innenräume positiv beeinflusst.


Abgerückt von der Straße wurde eine Platzsituation geschaffen, an der sich unter einem großen Vordach der Haupteingang befindet. Im Erdgeschoß sind jene Räume angesiedelt, die jahrgangsunabhängig von allen Schüler:innen genutzt werden – das Mittagsbuffet, die Nachmittagsbetreuung, eine große Bibliothek und der Mehrzwecksaal. Vom zentralen Foyer aus werden die oberen vier Geschoße erschlossen. Dort befinden sich im mittleren Bauteil die Sonderunterrichtsräume und die Verwaltung und in den seitlichen Bauteilen je zwei Cluster pro Stockwerk. Fünf Klassen teilen sich hier eine gemeinsame offene Lernzone und haben von dort aus Zugang zu einer überdachten Außenterrasse. In diesen luftig-sonnigen Freibereichen offenbart sich die bemerkenswerte Eigenheit dieser Schule: Sie hat einen vertikal gestapelten Schulhof. Weil auf ebener Erde der Platz fehlte, wurde die Freifläche auf alle Geschoße verteilt und bildet nun großzügige, die drei Bauteile verbindende Balkone mit vielfältigen Blickbeziehungen nach oben und unten. Jeder Klassenraum hat einen kleinen Vorplatz, wo die Spinde untergebracht sind. Das erlaubt es den Schüler:innen auch in kurzen Pausen, schnell die Jacke zu schnappen und nach draußen zu gehen.

Um die Schwelle zwischen Klassenraum und offener Lernzone so gering wie möglich zu halten, haben die Architekt:innen nicht nur eine raumhohe Verglasung vorgesehen, sondern vor allem auch das neuartige Detail des „verschwindenden“ Türblatts entwickelt (→ Fotoessay). Diese Konstruktion wirkt als (Schall-)Schleuse; die Tür selbst ermöglicht Raumabschluss und Raumkontinuum gleichermaßen. Aus der Schule vernimmt man dazu, dass die Lernzonen gut genutzt werden.
Um das Raumprogramm auf der knappen Fläche unterbringen zu können, wurde jedes Klassenzimmer durch einen Erker erweitert, der individuell genutzt wird. Diese hinausgestülpten Quader erzeugen das charakteristische Erscheinungsbild des Schulgebäudes zur Straße hin. Im Inneren entsteht so ein ausgesprochen differenziertes Raumangebot, das bei der Kompaktheit des Baukörpers überrascht. Vielfältige Situationen zum Lernen und Entspannen, kleinere und größere Nischen, abgetreppte Sitzmöbel und vielfältige Mikro-Raumsituationen lassen den Nutzer:innen die Wahl. Die Unterscheidung zwischen Verkehrs- und Aufenthaltsflächen ist am Bodenbelag ablesbar. Dezente Materialien – Eichenholz und helle Terrazzoplatten – unterstützen die entspannte Atmosphäre. In diesem alltagstauglichen Schulhaus findet jede:r einen passenden Platz. Am Standort Sillgasse haben eine engagierte Schule, die bereits zum Wettbewerb ihr pädagogisches Konzept mit raumrelevanten Angaben beigesteuert hat, und ein Schulbau-affines Architekturbüro, das mit kleinen Maßnahmen große Wirkungen zu erzielen weiß, zusammengefunden.
[ Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium Sillgasse, Innsbruck ] Architektur: SOLID architecture ZT GmbH. Bauherrschaft: BIG Bundesimmobiliengesellschaft m. b. H., im Auftrag des Bildungsministeriums. Tragwerksplanung: ingena ZT-GmbH. Landschaftsarchitektur: Kieran Fraser Landscape Design. Pädagogische Beratung des Architekturbüros: Franz Hammerer. Art der Vergabe: Offener, einstufiger Realisierungswettbewerb im Oberschwellenbereich. Planungs- und Bauzeit: 2015–2021. Nutzfläche: 9 550 m². Adresse: Sillgasse 10, 6020 Innsbruck, Tirol.