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2021 38 BG/BRG Sillgasse Innsbruck ← zurück

BG/BRG Sillgasse, Innsbruck

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BG/BRG Sillgasse Innsbruck

Trotz des städtebaulich besonders dichten Umfelds schafft der neue Schulbau ein erstaunlich groß­zügiges und viel­fältiges Raum­angebot für die Schüler:innen und zugleich einen Mehr­wert für den öffentlichen Raum rundum.

Die beengte Situation an der stark befahrenen, schmalen Sillgasse in der Innsbrucker Innenstadt war eine nicht gerade einfache Voraus­setzung für den Neubau des bereits seit 1910 hier bestehenden Gymnasiums. Das Gebäude fügt sich klug in dieses schwierige Umfeld ein, indem es die gründerzeitliche Bebauung zwar ergänzt, aber durch Knicke und Schwenks des Baukörpers auf die Umgebung reagiert und neue städtebauliche Qualitäten erzeugt. Aus dem großen Volumen wird durch zwei trapez­förmige Einschnitte ein dreiteiliger Baukörper, was die Maßstäb­lich­keit des Hauses und die Belichtungs­situation der Innenräume positiv beeinflusst.

Schnitt
Grundriss Erdgeschoß

Abgerückt von der Straße wurde eine Platz­situation geschaffen, an der sich unter einem großen Vordach der Haupt­eingang befindet. Im Erdgeschoß sind jene Räume angesiedelt, die jahrgangs­unabhängig von allen Schüler:innen genutzt werden – das Mittags­buffet, die Nachmittags­betreuung, eine große Bibliothek und der Mehr­zweck­saal. Vom zentralen Foyer aus werden die oberen vier Geschoße erschlossen. Dort befinden sich im mittleren Bauteil die und die Verwaltung und in den seitlichen Bauteilen je zwei pro Stockwerk. Fünf Klassen teilen sich hier eine gemeinsame und haben von dort aus Zugang zu einer überdachten Außen­terrasse. In diesen luftig-sonnigen Freibereichen offenbart sich die bemerkens­werte Eigenheit dieser Schule: Sie hat einen vertikal gestapelten Schulhof. Weil auf ebener Erde der Platz fehlte, wurde die Freifläche auf alle Geschoße verteilt und bildet nun großzügige, die drei Bauteile verbindende Balkone mit vielfältigen Blick­beziehungen nach oben und unten. Jeder Klassen­raum hat einen kleinen Vorplatz, wo die Spinde unter­gebracht sind. Das erlaubt es den Schüler:innen auch in kurzen Pausen, schnell die Jacke zu schnappen und nach draußen zu gehen.

Grundriss 2. Obergeschoß

Um die Schwelle zwischen Klassen­raum und offener Lernzone so gering wie möglich zu halten, haben die Architekt:innen nicht nur eine raumhohe Verglasung vorgesehen, sondern vor allem auch das neuartige Detail des „verschwin­denden“ Türblatts entwickelt (→ Fotoessay). Diese Konstruktion wirkt als (Schall-)Schleuse; die Tür selbst ermöglicht Raum­abschluss und Raum­kontinuum gleicher­maßen. Aus der Schule vernimmt man dazu, dass die Lernzonen gut genutzt werden. 

Um das auf der knappen Fläche unter­bringen zu können, wurde jedes Klassen­zimmer durch einen Erker erweitert, der individuell genutzt wird. Diese hinaus­gestülpten Quader erzeugen das charakteris­tische Erschei­nungsbild des Schulgebäudes zur Straße hin. Im Inneren entsteht so ein aus­gesprochen differen­ziertes Raum­angebot, das bei der Kompakt­heit des Baukörpers überrascht. Vielfältige Situationen zum Lernen und Entspannen, kleinere und größere Nischen, abgetreppte Sitzmöbel und vielfältige Mikro-Raum­situationen lassen den Nutzer:innen die Wahl. Die Unter­scheidung zwischen Verkehrs- und Aufent­halts­flächen ist am Boden­belag ablesbar. Dezente Materialien – Eichenholz und helle Terrazzo­platten – unter­stützen die entspannte Atmosphäre. In diesem alltags­tauglichen Schulhaus findet jede:r einen passenden Platz. Am Standort Sillgasse haben eine engagierte Schule, die bereits zum Wettbewerb ihr päda­gogisches Konzept mit raum­relevanten Angaben beigesteuert hat, und ein Schulbau-affines Archi­tektur­büro, das mit kleinen Maßnahmen große Wirkungen zu erzielen weiß, zusammen­gefunden.

Nicola Weber

[ Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium Sillgasse, Innsbruck ] Architektur: SOLID architecture ZT GmbH. Bauherrschaft: BIG Bundes­immobilien­gesellschaft m. b. H., im Auftrag des Bildungs­ministeriums. Tragwerks­planung: ingena ZT-GmbH. Landschafts­architektur: Kieran Fraser Landscape Design. Pädagogische Beratung des Architektur­büros: Franz Hammerer. Art der Vergabe: Offener, einstufiger Realisierungs­wettbewerb im Ober­schwellen­bereich. Planungs- und Bauzeit: 2015–2021. Nutzfläche: 9 550 m². Adresse: Sillgasse 10, 6020 Innsbruck, Tirol.