Agrarbildungszentrum Salzkammergut Altmünster
Diese Schule lebt von der Einheit in der Vielfalt. So vielfältig das Lehrangebot unter der Klammer des Agrarischen hier ist, so vielfältig ist das Raumangebot in der nach außen schlichten, hölzernen Box. Dass es sich im Kern um einen Zubau handelt, merkt man erst auf den zweiten Blick.
An sich ist der Vierkanthof im Salzkammergut nicht heimisch. Hier überwiegen offene, streusiedlungsartige Strukturen, angepasst an die Gebirgslandschaft und das Klima. Eine Verwandtschaft zu dem eher im Innviertel typischen Vierkanthof wird man dem Agrarbildungszentrum Altmünster aber nicht absprechen. Es beweist, dass dieser Typ – nicht zuletzt durch Fortschritte in der Bautechnik – heute nicht nur in der Ebene und im leicht geneigten Gelände funktioniert, sondern auch in stärkerer Hanglage.
Bemerkenswert ist, dass es sich bei dem Schulkomplex um die Erweiterung eines Bestands handelt, ein Konglomerat aus mehreren locker zueinander gesetzten Gebäuden. Im Wettbewerb wurden viele Varianten zu diesem Bestand vorgelegt: ihn wegzublenden oder ihn zu spiegeln und neu zu interpretieren. Das Siegerprojekt findet für diese Herausforderung eine radikale Lösung: Es bewahrt Teile, die gut funktionieren, vor allem den Bereich des Internats, und gliedert sie so in den Neubau ein, dass das Alte im Neuen aufgeht. Nur wer weiß, dass die massiven Wände und die Lochfenster zum Altbau gehören, wird bemerken, welcher Bauteil der ältere ist. Diese Lösung erfordert viel Raffinesse im Detail, etwa bei der barrierefreien Überbrückung der unterschiedlichen Niveaus, die sich aus den erforderlichen Geschoßhöhen von Bestand und Neubau ergeben. Zur Vermeidung dunkler Innengänge wird die Erschließung der Internatszimmer durch kleine Lichtbrunnen verbessert.
Funktionell gliedert sich das Schulhaus in drei Ebenen. Auf Eingangsniveau befinden sich die öffentlichen Bereiche wie Aula, Speisesaal, Mehrzwecksaal und der große Aufenthaltsbereich des Internats. Für die Pädagog:innen gibt es hofseitig einen Großraum mit 40 individuellen Arbeitsplätzen. Das Obergeschoß ist der Theorie gewidmet: Acht Unterrichtsräume nehmen zusammen eine volle Länge des quadratischen Baukörpers ein. Zu jedem gehört ein zuschaltbarer kleinerer, über einen Lichtschlitz von oben belichteter Zusatzraum, der zum Gang hin vollständig verglast ist. Während die Bandfenster in den Klassenzimmern den Blick in die Ferne lenken, geht es hier um konzentriertes Arbeiten in kleinen Gruppen. Zum Hof hin liegen drei größere quadratische Seminarräume.
Die andere Längsseite des Quadrats wird als offene Lernzone genutzt, mit einer freistehenden, im Grundriss elliptischen Bibliothek im Zentrum. Entgegen dem ersten Anschein – ihre Wände reichen weder bis zum Boden noch bis zur Decke, Verglasungen folgen oben und unten der gekrümmten Raumkontur – ist sie akustisch gut abgeschlossen und wird auch für den Unterricht oder Gespräche mit den Schulpsycholog:innen genutzt. Die dritte, teilweise in den Hang eingegrabene Ebene ist den Werkstätten sowie der Sporthalle vorbehalten, deren Luftraum ins darüberliegende Eingangsgeschoß ausgreift. Wie es sich für einen Vierkanter gehört, gibt es eine seitliche Durchfahrt in den Hof zur Belieferung der Werkstätten.



Konstruktiv handelt es sich um einen klassischen Hybridbau, in dem jedes Material dort eingesetzt wird, wo es sich am besten eignet. Massivholzwände übernehmen die Aussteifung, Stahlstützen und Betonverbundstützen die Lastabtragung. Die Decke über dem Erdgeschoß ist als Holzbetonverbunddecke ausgeführt und vereint die Vorteile beider Baustoffe (Brandschutz, Schallschutz, Statik). Die abgehängte Decke ist mit Schafwolle gedämmt. Das dominierende Material im Inneren ist heimische Weißtanne, in geölter Form auch auf den Böden – nach bald 15 Jahren Gebrauch eine augenscheinlich richtige Entscheidung.
Aufgrund der kompakten Bauweise, der guten Dämmung und der mechanischen Lüftung erreicht das Gebäude Passivhausstandard. Der Klimawandel macht sich aber auch hier bemerkbar. Im Sommer erreichen die Temperaturen in manchen Räumen über 30 Grad. Die Anschaffung einer Klimatisierung ist in Diskussion. Dass die Erderwärmung gerade die Landwirtschaft besonders treffen wird, ist kein Geheimnis. Eine Ausbildung auf höchstem Niveau ist deshalb entscheidend. Das braucht innovative Konzepte, das geeignete Lehrpersonal, aber auch die richtige Atmosphäre. Die 260 Schüler:innen, 40 Lehrkräfte und 20 sonstigen Mitarbeiter:innen im Agrarbildungszentrum Salzkammergut wissen aus eigener Erfahrung, was gute Architektur dazu beitragen kann.
[ Landwirtschaftliche Fachschule und Berufsschule, Altmünster ] Architektur: Fink Thurnher Architekten ZT GmbH. Bauherrschaft: Landes-Immobilien GmbH, vertreten durch das Amt der OÖ Landesregierung, Abteilung Gebäude- und Beschaffungsmanagement. Tragwerksplanung Holzbau: merz kley partner ZT GmbH. Tragwerksplanung Massivbau: Mader & Flatz ZT GmbH. Art der Vergabe: Nicht offener, einstufiger Realisierungswettbewerb im Oberschwellenbereich. Planungs- und Bauzeit: 2007–2011. Nutzfläche: 10 536 m². Adresse: Pichlhofstraße 62, 4813 Altmünster, Oberösterreich.