Bildungscampus Sonnwendviertel Wien
Sieht aus wie Brokkoli, sagen die Kinder. Ein Meilenstein im österreichischen Bildungsbau, sagen die Fachleute. Die scheinbar frei wuchernde Geometrie folgt klaren Regeln und bietet den Kindern viel Raum zur Entfaltung.
Architektur ist – unter anderem – angewandte Geometrie. Auch der Bildungscampus Sonnwendviertel, der Kindergarten, Volksschule und Mittelschule in einem großen Haus für 1 100 Kinder und 170 Mitarbeiter:innen vereint, folgt geometrischen Prinzipien. Sie gehen auf eine Entwicklung zurück, die unter dem Namen „Strukturalismus“ seit den 1960er-Jahren in der Architektur präsent ist. Während in der klassischen Architektur jedes Element einen Anfang, eine Mitte und ein Ende hat, ist die strukturalistische Architektur eine des Wachsens und Wucherns. Das Campusgebäude im Sonnwendviertel, einem neuen Wohnquartier auf dem Gelände eines ehemaligen Verschubbahnhofs, passt gut in diese Kategorie. Es ist ein scheinbar wuchernder Stadthügel, das erste Wiener Campusprojekt, bei dem Kindergarten, Volksschule und Mittelschule einen gemeinsamen Eingang nutzen. Im Detail besteht das Gebäude aus kleinen, boxenförmigen Grundeinheiten, die nach bestimmten Regeln neben- und übereinandergestapelt sind. Wo im Erdgeschoß eine Box sitzt, ist im Obergeschoß eine Terrasse, umgekehrt überdecken viele der Boxen im Obergeschoß schattige und regengeschützte Bereiche des Erdgeschoßes. Unterricht im Freien ist dadurch oben wie unten möglich. Als zweite Regel gilt, dass sich die Boxen zu kleinen Gruppen von meistens vier Einheiten zusammenschließen und locker um eine gemeinsame Mitte anordnen. Diese Mitte ist eine offene Zone, in der gelernt sowie gespielt werden kann und auch gegessen wird. Die Wände zwischen dieser Zone und den Boxen sind raumhoch verglast und teilweise als Falttüren ausgeführt, wodurch Boxen und offene Zonen bei Bedarf zu einem einzigen großen Raum verschmelzen.

Diese Raumanordnung wird oft als Clusterlösung bezeichnet, wobei sich mehrere Bildungsräume um eine gemeinsame Mitte gruppieren. Die Anordnung führt in der Regel zu tiefen, schwer mit natürlichem Licht zu versorgenden Innenzonen. Hier wurde dieser Herausforderung mit Lichtbrunnen begegnet, die teilweise bis ins Erdgeschoß geführt sind. In den an sich quadratischen, mit einem Maß von 8,2 Meter Seitenlänge großzügig angelegten Bildungsräumen gibt es je eine kleine, auf ein Podest gehobene Ausbuchtung, das sogenannte Nest, das aus dem Quadrat ein „L“ macht und über eine Faltwand vom Rest des Raums abgeschirmt werden kann.
Durch die leichten Möbel lassen sich die Räume rasch umstellen. Aus dem Architekturbüro stammt auch der Entwurf für die Tische, deren polygonale Geometrie bewusst weniger für den Frontalunterricht und mehr für die Gruppenarbeit geeignet ist. Da sie normale Arbeitshöhe aufweisen, damit Pädagog:innen sich zu den Schüler:innen setzen können, mussten für die Kinder Sessel mit Fußrasten zum Einsatz kommen, eine damals unkonventionelle Lösung, die sich als praxistauglich erwiesen hat.

Mit diesem Projekt sprang die Baubürokratie der Stadt Wien weit über ihren Schatten und wurde zum Innovationsmotor. Der Ausschreibung für den Wettbewerb lag ein räumlich-pädagogischer Qualitätenkatalog zugrunde, der von Vertreter:innen der zuständigen Magistratsabteilungen und dem ÖISS erarbeitet wurde. In diesem Katalog wurden als Grundkonfiguration die Clusterlösung mit vier Bildungsräumen und einem Marktplatz als gemeinsame Mitte festgelegt. Quantitativ war eine Gesamtnutzfläche als Obergrenze vorgeschrieben, innerhalb derer man sich planerisch relativ frei bewegen konnte. Aufgrund der großzügigen Marktplätze konnte auf monofunktionale Räume für die Nachmittagsbetreuung verzichtet werden. Für den Umgang mit den vielen Dutzend Seiten an Regularien für den Schul- und Kindergartenbau, die die Stadt Wien über Jahrzehnte erstellt hatte und die bis zur Positionierung des Waschbeckens im Klassenzimmer genaue Vorgaben machten, fand man eine elegante Lösung: Sie sollten laut Ausschreibung nur insofern Gültigkeit haben, als sie dem Qualitätenkatalog nicht im Weg stehen.
Von den über 100 Projekten, die beim Wettbewerb eingereicht wurden, griffen weniger als ein Dutzend die Ideen aus dem Qualitätenkatalog auf. Das Siegerprojekt setzte allerdings Maßstäbe. In zehn Jahren des Betriebs hat es sich als Raum bewährt, der zum Experimentieren anregt, ohne die Pädagog:innen zu überfordern.
[ Kindergarten, Volksschule und Mittelschule Sonnwendviertel, Wien ] Architektur: PPAG architects ztgmbh. Bauherrin: Stadt Wien. Tragwerksplanung: VCE Vienna Consulting Engineers ZT GmbH. Landschaftsarchitektur: Karin Standler Landschaftsarchitektur (Wettbewerb), EGKK Landschaftsarchitektur (Überarbeitung und Umsetzung). Grafisch-künstlerische Ausgestaltung: Bleed. Prozessbegleitung Partizipation: ÖISS. Art der Vergabe: Offener, zweistufiger Realisierungswettbewerb im Oberschwellenbereich. Planungs- und Bauzeit: 2011–2014. Nutzfläche: 13 065 m². Adresse: Gudrunstraße 110, 1100 Wien.