AHS Wien West Wien
Wie man einer Kaserne den Drill austreibt: Ein neues Glasportal und ein wunderbarer Innenhof schaffen eine einzigartige Lernlandschaft, die Respekt vor dem Bestand mit räumlicher Innovation verbindet.
Auch eine Kaserne ist, wie alle Grundwehrdiener:innen bestätigen können, ein Bildungsort. Drill ist eine Form der Bildung, die sich gegen alles Individuelle richtet. Entsprechend sieht Kasernenarchitektur aus: Mannschaftsräume, an einem Gang aneinandergereiht und mehrgeschoßig gestapelt. Die strukturelle Ähnlichkeit zur Gangschule hat als ihre Zuspitzung den Begriff der Schulkaserne geprägt, mit dem man zu Recht viele Schulbauten des 19. Jahrhundert bezeichnen kann. So wie beim militärischen Drill sollten auch die Schüler:innen nach einem standardisierten Plan in Klassen gleichen Alters auf ein einheitliches Ziel hin „gebildet“ werden, sozial gestaffelter Habitus inklusive. Manche Bildungssysteme wie das britische widersetzten sich bis ins 20. Jahrhundert dem Prinzip der Jahrgangsklasse und auch dem standardisierten Klassenraum und setzten auf Förderung des Individuums bis hin zur Exzentrik. Wer Zauberer heranziehen möchte, muss ihnen ein Hogwarts bauen und keine Kaserne.
Aber was ist zu tun, wenn der Auftrag lautet, ein bestehendes denkmalgeschütztes Kasernengebäude in ein Schulhaus zu verwandeln? Kann in solchen Strukturen eine weltoffene Bildung gelingen? Möglich ist das jedenfalls, wie das Gymnasium Wien West eindrucksvoll beweist. Notwendig dazu ist allerdings, dass Eingriffe in die Substanz, auch in die denkmalgeschützte, erlaubt sind. Bei diesem Schulbau ging es dabei vor allem um den Eingang und die Aula. Hier wurde über drei Fensterachsen das Mauerwerk unterfangen und durch eine verglaste Öffnung ersetzt, die einem Theaterfoyer alle Ehre machen würde.



Auch im Kasernenhof durften zwei Baracken entfernt werden. Hier befindet sich jetzt das Herz der Schule, ein Hof mit Terrassen und Bäumen, zu dem alle „lauten“ Nutzungen wie Gänge und Homebases (die das Departmentsystem erfordert) orientiert sind, während die Klassen nach außen liegen. Das Angebot an hofseitigen Terrassen auf allen Geschoßen ist so großzügig, dass man sich durchaus vorstellen kann, dass die ganze Schule bei schönem Wetter ihre Aktivitäten ins Freie verlagert. Auch für den Sport, einen der Schulschwerpunkte, gibt es ausreichend Flächen: einerseits in einer unterirdischen Sporthalle, andererseits in zwei denkmalgeschützten Reithallen, die im Erdgeschoß mit dem Hauptgebäude verbunden sind und als Sporthallen genutzt werden.
Das räumlich-pädagogische Konzept sieht für die jüngeren Jahrgänge ein Cluster- und für die älteren ein Departmentsystem vor, mit dem Innenhof als großem Wohnzimmer im Freien. Da kann schon manchmal Hogwarts-Atmosphäre aufkommen. Von militärischem Drill ist hier jedenfalls nichts mehr zu spüren.
[ Bundesgymnasium, Bundesrealgymnasium und Oberstufenrealgymnasium Wien West, Wien ] Architektur: ARGE Shibukawa Eder Architects ZT GmbH und F+P Architekten ZT GmbH. Bauherrschaft: BIG Bundesimmobiliengesellschaft m. b. H., im Auftrag des Bildungsministeriums. Tragwerksplanung: RWT plus ZT GmbH. Art der Vergabe: Nicht offener, zweistufiger Realisierungswettbewerb im Oberschwellenbereich. Planungs- und Bauzeit: 2014–2018. Nutzfläche: 13 000 m². Adresse: Steinbruchstraße 33, 1140 Wien.