Campus Technik Lienz
Die Schwerkraft scheinbar aufzuheben und Architektur zum Fliegen zu bringen, ist ein alter Traum der Moderne. Hier ist er zusätzlich in einer schlüssigen städtebaulichen Idee begründet, die zusammenbringt, was zusammengehört.
Der Campus Technik Lienz kombiniert verschiedene Bildungseinrichtungen an einem Standort, zum Zeitpunkt seiner Eröffnung im Jahr 2018 eine Tiroler Fachberufsschule, eine private Höhere Technische Lehranstalt sowie eine Außenstelle der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck und der Universität für Medizinische Informatik und Technik in Hall in Tirol.
Die Rahmenbedingungen für diese Aufgabe waren ausgesprochen schwierig. Der Standort am Ufer der Isel ist bereits mit Bestandsbauten besetzt, die über die Jahre gewachsen sind. Für die Erweiterung war ein Grundstück vorgesehen, das die Kette von Gebäuden entlang der Uferpromenade mit einem weiteren mehrgeschoßigen Solitärbau fortgesetzt hätte. Diese Lösung hätte den Neubau aber isoliert und weit vom Hauptzugang des Campus abgerückt.
Die Architekt:innen schlugen stattdessen einen auf Stützen über der Uferpromenade schwebenden eingeschoßigen Baukörper vor, der den bestehenden Gebäuden über eine Länge von 150 Metern vorgelagert und durch Brücken mit ihnen verbunden ist. Der Eingang zum Universitätsbereich sitzt jetzt nicht im Abseits, sondern dort, wo er hingehört: gemeinsam mit den anderen Institutionen gleich am Beginn des Areals.

Im Inneren des fliegenden Baukörpers dürfen sich die Nutzer:innen wie in einem Raumschiff fühlen, das gerade an seinem Landeplatz an der Isel angedockt hat. Die Böden sind in einem kräftigen Gelb gehalten, die leichten Trennwände in einem Graublau, das an die Farbe der Lienzer Dolomiten erinnert, und die Vorhänge im wässrigen Grün des vorbeirauschenden Flusses.
Ist diese schwebende Architektur ihr Geld wert? Jedenfalls hätte keine andere Lösung alle Institutionen so gut verflochten, auch pädagogisch, und zugleich so wunderbare Außenräume entlang der Uferpromenade geschaffen. Dass die Kooperation mit den Universitäten inzwischen ausgelaufen ist, kann man nicht der Architektur anlasten. Als Ausdruck von Optimismus und Lust auf eine bessere Zukunft wird sie noch jahrzehntelang auf ihre Nutzer:innen einwirken.
[ Höhere Technische Lehranstalt, Tiroler Fachberufsschule, MCI Internationale Hochschule, Lienz ] Architektur: fasch&fuchs.architekten. Bauherrschaft: Amt der Tiroler Landesregierung. Tragwerksplanung: Werkraum Ingenieure ZT GmbH. Art der Vergabe: Geladener, einstufiger Realisierungswettbewerb im Unterschwellenbereich. Planungs- und Bauzeit: 2016–2018. Nutzfläche: 1 800 m². Adresse: Linker Iselweg 21, 9900 Lienz, Tirol.