Schule am See Hard
Kein schiefer Winkel und trotzdem viel Platz für Fantasie: Jeweils drei Cluster bilden eine kleine Schule der 6- bis 14-Jährigen, mit einem großzügigen Raumangebot, das auf die Bedürfnisse der jeweiligen Altersgruppe zugeschnitten ist.
Das Gebäude am Ortsrand von Hard ließe sich problemlos als Headquarter eines mittelgroßen Unternehmens verkaufen: eine dreigeschoßige Anlage im stattlichen Format von 125 mal 50 Metern mit drei eingeschnittenen Höfen. Dass es sich nicht um einen Firmensitz, sondern um ein Schulgebäude handelt, eine Volksschule für 350 und eine Mittelschule für 300 Schüler:innen, würde man auf den ersten Blick nicht vermuten. Sollte ein Haus für Kinder nicht kindgerechter aussehen, bunt und ein bisschen wie ein Spielzeug? Ist die Monumentalität dieses Gebäudes, in dessen Grundriss es keinen schiefen Winkel gibt, nicht ein Schritt zurück in den Rationalismus des 20. Jahrhunderts?
Wer das Haus während des Schulbetriebs besucht, wird einen anderen Eindruck gewinnen. Diese Schule mag „hart“ aussehen, zugleich ist sie ein offenes Gerüst, das es jeder Altersgruppe ermöglicht, sich den Raum bestmöglich anzueignen. Auf allen Geschoßen gibt es großzügige überdeckte Terrassen, die es den Nutzer:innen erlauben, ihren Aufenthalt ins Freie zu verlegen. Farben und Bewegung werden von den Kindern selbst in die Räume gebracht, Möbel und Einrichtung sind an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst. Kindgerecht ist diese Architektur in den angenehmen Materialien und Oberflächen und den vielfältigen Lichtstimmungen. Alle Details sind mit großer Sorgfalt geplant und ausgeführt; die Haustechnik ist bewusst „lowtech“ gehalten.

Eine Besonderheit der Schule ist der gemeinsame Unterricht von mehreren Jahrgängen in einem Cluster. Jeder Cluster verfügt über einen Teamraum für die Pädagog:innen, drei Klassenzimmer mit Glaswänden und drei kleinere Räume für Sonderunterricht oder Projekte. Die gemeinsame Mitte kann flexibel bespielt werden. Die Schule ist in neun solchen Clustern organisiert, von denen jeweils drei übereinandergestapelt eine kleine Schule für sich bilden und einem Hof oder einer Terrasse zugeordnet sind: Auf der untersten Ebene werden die 6- bis 8-Jährigen zusammengefasst, auf der mittleren die 9- bis 11-Jährigen und auf der obersten die 12- bis 14-Jährigen. Der jahrgangsübergreifende Unterricht erlaubt es den Pädagog:innen, besser auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen und bietet allen Kindern Erfolgserlebnisse, wenn sie einmal als Ältere den Jüngeren beim Lernen zur Seite stehen können.
Dass die Schule so monumental geworden ist, liegt nicht zuletzt am Standort unmittelbar neben dem großen Volumen eines Sportzentrums, das Hard für seine bekannte Handballmannschaft errichtet hat. Die Schule ergänzt dieses Zentrum um eine Dreifachsporthalle, die vom Boden abgehoben und auf Stützen gestellt wurde. Zwischen Sporthalle und Schule entsteht – unter Einsatz von sehr viel Asphalt – ein fast urbaner Straßenraum, der einen schönen Ausblick auf den See im Hintergrund bietet. Eingebettet in die Weite der Landschaft wirkt die Schule mit ihren weißen Markisen wie ein Schiff, das gerade Segel setzt, um zu einer Reise aufzubrechen.
[ Volksschule und Mittelschule am See, Hard ] Architektur: Baumschlager Hutter Partners. Bauherrschaft: Marktgemeinde Hard. Tragwerksplanung: Mader & Flatz ZT GmbH. Landschaftsarchitektur: terra.nova. Art der Vergabe: Nicht offener, einstufiger Realisierungswettbewerb im Oberschwellenbereich. Planungs- und Bauzeit: 2014–2018. Nutzfläche: 11 207 m². Adresse: Seestraße 58, 6971 Hard, Vorarlberg.