HBLA für Tourismus St. Johann in Tirol
Über den zu klein gewordenen Schulbau aus den 1980er-Jahren wurde in Form einer markanten horizontalen Platte ein neues Geschoß gestellt. Im Zwischenraum von Alt und Neu entstand dadurch eine große, überdeckte Terrassenlandschaft zum Lernen und Entspannen.
In der Nähe des Ortszentrums von St. Johann in Tirol bildet die Tourismusschule zusammen mit weiteren Bildungsstätten einen Schulcampus. Die zusätzlich benötigte Fläche von 1 500 Quadratmetern wurde in ein statisch unabhängiges, optisch schwebendes Panoramageschoß gepackt, das wie eine Tischplatte leicht verdreht über dem alten Gebäude sitzt und dieses zu einem neuen, klaren Baukörper weiterentwickelt. Weil der Bestand fast unangetastet blieb, konnte der Umbau bei laufendem Schulbetrieb durchgeführt werden.

Eine Anpassung des Vorplatzes an das Gelände verbessert die Zugangssituation zur Schule deutlich. Man bewegt sich nun entlang der hohen, schlanken Sichtbetonscheiben, die das neue Plattengeschoß tragen, leicht ansteigend zum Eingang an der südöstlichen Gebäudeecke. Das Erdgeschoß ist funktional als Gastronomieebene erhalten geblieben; die zentrale zweigeschoßige Aula mit umlaufender Galerie ermöglicht Einblicke in die modernen Lehr- und Einzelplatzküchen. Hier befindet sich auch die Schulmensa, die in diesem Kontext eher einem gehobenen Restaurant ähnelt.
Im ersten Obergeschoß sind Verwaltung und Lehrer:innenbüros, Bibliothek und EDV-Räume untergebracht. Versatzstücke des Altbaus wie rotbraune Terrazzoböden und der halbrunde Stiegenaufgang wurden liebevoll in die Raumgestaltung integriert.


Im neu entstandenen zweiten Stockwerk konzentrieren sich die Stammklassenräume, sechzehn davon sind ringförmig entlang der Gebäudekontur angeordnet, zwei weitere wurden in die freie Mitte der Konstruktion „eingehängt“ – die „Aquariumklassen“, wie die Schüler:innen sie nennen. Durch die verzogene Quadratform des Grundrisses entstehen breite, trapezförmige Gangzonen mit viel Bewegungsraum und Sitzgruppen. Sie bilden eine luftige Lernlandschaft vor den großteils raumhoch verglasten Klassenräumen. Drei vertikale Einschnitte bringen Licht in die Mitte des Raums und stellen visuelle Verbindungen nach unten zum Altbau her. Raumstruktur und Atmosphäre des neuen Stockwerks sind vor allem vom markanten Stahlfachwerk der Tragkonstruktion geprägt. Massive V-förmige Stützen und sichtbare Deckenträger erzeugen eine moderne, kraftvolle Raumstimmung, die zur berufsbildenden Ausrichtung der Schule passt. Unterstrichen wird die Wirkung durch die pure Materialität von Sichtbeton und die warme Haptik von Holz. Im horizontalen Zwischenraum oberhalb des Altbestands und unterhalb der neuen Geschoßplatte öffnet sich schließlich eine ganz besondere Erholungslandschaft für Schüler:innen und Lehrende: eine weitläufige Holzterrasse in leicht abgestufter, gewellter Topografie ermöglicht Entspannung und Abwechslung im Schulalltag. Die verspiegelte Deckenuntersicht reflektiert den Holzboden und verzerrt ihn zu schwingenden, dynamischen Wellen. Den Architekt:innen ist es eindrucksvoll gelungen, mit diesem Umbau trotz Verdichtung Licht, Luft und Lebendigkeit in das Schulgebäude und seine Abläufe zu bringen.
[ Tourismusschulen am Wilden Kaiser, Höhere Bundeslehranstalt für Tourismus, St. Johann in Tirol ] Architektur: wiesflecker-architekten ZT GmbH. Bauherrschaft: BIG Bundesimmobiliengesellschaft m. b. H., im Auftrag des Bildungsministeriums. Tragwerksplanung: ZSZ Ingenieure ZT GmbH. Art der Vergabe: Offener, einstufiger Realisierungswettbewerb im Oberschwellenbereich. Planungs- und Bauzeit: 2012–2017. Nutzfläche: 7 733 m². Adresse: Neubauweg 9, 6380 St. Johann in Tirol, Tirol.