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BRG in der Au, Innsbruck

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BRG in der Au Innsbruck

Ein Haus mit zwei Funktionen, die kaum konträrer sein könnten: Shopping und Bildung. Gut organisiert, funktioniert das wunderbar und ist wegen des reduzierten Boden­verbrauchs auch ökologisch ein Gewinn.

Es ist ein naheliegender Gedanke, auf diesem verkehrs­umspülten, von vierspurigen Stadtstraßen geprägten Areal im Westen von Innsbruck ein Einkaufs­zentrum zu errichten. Der spätere Milliarden­pleitier René Benko, der sich das Grundstück für diesen Zweck gesichert hatte, sah hier allerdings noch zusätzliches Potenzial. Könnte man nicht gewinn­bringende zwei Geschoße an öffentlicher Nutzung obenauf platzieren? Zeitgleich war das Bildungs­ministerium auf der Suche nach einem Grundstück für ein neues Gymnasium in der Stadt und entschloss sich, dem Experiment eine Chance zu geben. 

Errichtet wurde das Gebäude in Form einer für zwei Nutzer, das Gymnasium „In der Au“ und das Einkaufs­zentrum, das bei seiner Eröffnung „Q West“ hieß. Die beiden Nutzungen sind auf sechs Geschoßen in einem Baukörper mit einer Grundfläche von rund 100 mal 100 Metern untergebracht. Zum Einkaufs­zentrum gehören die Geschäfts­flächen im Erdgeschoß und im ersten Unter­geschoß, zur Schule das zweite und dritte Obergeschoß. Das erste Obergeschoß teilen sich die beiden Nutzer: Hier liegen die Dreifach-Sporthalle mit Garderoben sowie die Eingangs­halle der Schule auf der einen und Geschäfts­flächen auf der anderen Seite. Synergien werden, wo möglich, genutzt, etwa bei den Kosten für die Sprinkler­anlage.

Großer Wert wurde auf die Entkopplung der Zugänge gelegt. Das Einkaufs­zentrum wird fußläufig über die Nordostecke erschlossen, mit großen Glas­flächen als Schau­fenstern. Der Eingang der Schule liegt, über eine Treppe und eine Rampe erreichbar, an der Südostecke im ersten Obergeschoß.

Grundriss 2. Obergeschoß
Grundriss 1. Obergeschoß

Von hier aus geht es über eine Abfolge von Treppen nach oben, wo ein System von Höfen, Terrassen und sehr breiten Mittelgängen eine vielfältig nutzbare schafft. Jeweils acht Klassen sind zu einer Struktur zusammen­gefasst. Die Mittelzone zwischen den Unterrichts­räumen wirkt auf den ersten Blick über­dimensioniert und erschließt sich den Betrachtenden erst durch die Auseinander­setzung mit dem pädagogischen Konzept. Ursprünglich als herkömmliche AHS konzipiert, haben zwei Generationen von Schulleiterinnen das BRG in der Au zu Österreichs Vorzeige­projekt für ein über alle Jahrgänge geführtes entwickelt. Dieses System arbeitet mit Fachklassen, die im Sinne einer vorbereiteten Lernumgebung von den Lehrenden gestaltet werden. Die dabei statt­findende Abkehr vom erfordert einen häufigen Raum­wechsel aller Schüler:innen und stellt daher besondere Anforderungen an das , das hier nach dem Prinzip möglichst kurzer Wege Transit-, Lern- und Pausen­raum sowie Stau­fläche für Lern­utensilien in einem ist. Diesbezüglich profitiert die Schule vom Stützen­raster des darunter liegenden Einkaufs­zentrums, der die großen Gangbreiten determiniert hat. Auch das Freiraum­angebot ist dank weit­räumiger Höfe und 4 000 Quadrat­metern an Sport- und Erholungs­flächen auf dem Dach sehr großzügig. 

Formal orientiert sich das Gebäude an der Sprache der klassischen Moderne. Weißer Verputz, schlanke Säulen, Band­fenster und Dach­gärten könnten direkt aus dem Vokabular Le Corbusiers aus den 1920er-Jahren stammen. In der nicht nur verkehrs­bedingt, sondern auch archi­tektonisch lärmenden Umgebung passt das gut: ein kontemplativer Ort über den Dächern, der die Ruhe bietet, die gute Bildung braucht. 

Christian Kühn

[ Bundesrealgymnasium in der Au, Innsbruck ] Architektur: ARGE reitter_architekten zt gmbh – Eck&Reiter ZT GmbH, General­planung: DMArchitekten. Bauherr­schaft: Objekt Linser Areal Immobilien­errichtungs GmbH & Co. KG; IIG, Innsbrucker Immobilien GmbH & Co KG, im Auftrag des Bildungs­ministeriums. Tragwerks­planung: ZSZ Ingenieure ZT GmbH. Landschafts­architektur: Anna Detzlhofer. Art der Vergabe: Geladener Archi­tektur­wettbewerb. Planungs- und Bauzeit: 2007–2011. Nutzfläche: 10 757 m² (Gesamt­gebäude: 43 981 m²). Adresse: Bachlechnerstraße 35, 6020 Innsbruck, Tirol.