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Modellschule Gersthof, Wien

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Modellschule Gersthof Wien

Den kleinsten ökologischen Fußabdruck hinter­lässt, wer ein beste­hendes Gebäude nutzt, statt neu zu bauen. Neue Nutzung und alter Bestand können sich dabei gegen­seitig befruchten, wie dieses Beispiel eindrucks­voll beweist.

Bauen im Bestand hat Konjunktur. Dass es dabei oft zu Konflikten zwischen der vorhandenen Gebäude­struktur und der neuen Nutzung kommt, kann man als Problem sehen – oder als Chance, konventionelle Muster zu hinterfragen und aus der Spannung zwischen neuer Funktion und vorhandenem Gerüst innovative Lösungen zu erzeugen. Dass dies sogar unter den strengen Bedingungen des Denkmal­schutzes gelingen kann, beweist das Gebäude der Schule in Gersthof. In den Jahren 1924 bis 1926 als Entbindungs­klinik für Handels­angestellte errichtet, war es zeitweise Militär­spital und schließlich seit den 1970er-Jahren ein Spezial­krankenhaus für Orthopädie, das 2019 ins neue Kranken­haus Nord in Floridsdorf übersiedelte. 

Die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) erwarb das Objekt mit dem Ziel, es in einen Bildungsbau zu verwandeln. In einem europaweit offenen Verhand­lungs­verfahren konnte sich ein Projekt mit der Idee durchsetzen, den Innen­gangtyp zwar beizubehalten, aber durch verglaste Nischen und Durch­brüche hell und freundlich zu gestalten. Die Klassen­räume fallen dem Bestand geschuldet dabei mit einer Tiefe von 5 Metern etwas schmäler und deutlich länger aus als üblich. Diese Abweichung von der Norm ermöglicht es aber, den Raum zu zonieren und im hinteren Bereich durch Stehpulte und Spinde ein besonderes Lern­arrangement anzubieten. Klassen­räume und wechseln sich ab und bieten vielfältige Nutzungs­optionen. Das äußere Erscheinungs­bild des Hauses erinnert nicht an ein Kranken­haus, sondern an ein rosa Märchen­schloss in einem Park mit hundert­jährigen Bäumen. 

Grundriss Erdgeschoß

Formal verbindet das Gebäude mit seinen dezenten Ornamenten, dem Skulpturen­schmuck und den von stämmigen Säulen getragenen Pergolen späten Jugendstil, Art déco und Expressionismus. Charakteristisch für die Zeit ist die strenge Symmetrie, die in diesem Fall durch die Ausbildung eines den Eingang rahmenden Ehrenhofs betont wird. 

Der Erfolg solch komplexer Sanierungs­projekte hängt von der guten Beziehung zwischen Architektur, Denkmal­amt, Bauherrschaft und ausführenden Firmen ab. In diesem Fall funktionierte diese Beziehung auch deshalb so gut, weil das Projekt im Laufe der Planungs- und Bauzeit ab 2020 für die BIG zu einem Modell­projekt wurde, mit dem sie Maßstäbe setzen wollte: grund­sätzlich für das Bauen im Bestand, für Lowtech-Lösungen in der Haustechnik und für eine gewisse Elastizität in der Funktion im Interesse der Umsetzung neuer Modelle für das Lernen und Lehren. Diese Architektur ist kein eng anliegender Handschuh, der genau auf eine Nutzung zugeschnitten ist, sondern ein lockerer Fäustling, der mehrere, auch noch nicht absehbare Nutzungen erlaubt. Das Modellhafte des Projekts kam auch im Planungs­prozess durch zahlreiche Stake­holder­workshops und Expert:innen­beratungen zum Tragen. 

Grundriss 1. Obergeschoß

Ungewöhnlich ist auch die Lage der Sporthallen. Alle Versuche, sie direkt mit dem Altbau zu verbinden, führten zu keiner akzeptablen Lösung. So landeten sie schließlich frei stehend im Park, vom Haupt­gebäude in kurzem Fußweg erreichbar. Dieser Weg ist gesäumt von zahlreichen Sport- und Bewegungs­angeboten, die ihn selbst zum Ziel machen. Die beiden dem Sport gewidmeten Räume sind auch nicht wie üblich identisch, sondern haben sehr unter­schiedlichen Charakter. Einer ist eine Norm­sporthalle, der andere ein Bewegungs­raum mit einer Spiegel­front an der Quer- und einer Kletter­wand an der Längsseite, die zusätzlich Licht von oben erhält. Im Außenraum wirken die beiden Baukörper mit ihrer Hülle aus schwarz lasierten Holzlamellen wie abstrakte Skulpturen, die dank versenkter Anordnung eines Großteils der Volumina der Wirkung des Parks keinen Abbruch tun. 

Schnitt

Die Sporthallen sind nicht die einzigen vom Haupthaus abgesetzten Gebäude der Anlage. Auch die frei stehende ehemalige Direktions­villa erhielt eine neue Nutzung als Labor­gebäude für die Natur­wissen­schaften ohne direkte Verbindung zum Haupt­gebäude. Wirklich störend ist das nur bei sehr schlechtem Wetter. Die kurze Unter­brechung des schulischen Innen­raum­daseins durch einen kurzen Spaziergang im Park ist dagegen unbezahlbar. Mehr Natur ins Haus holen wollte man im Haupt­gebäude auch durch die Schaffung eines „Garten­geschoßes“, also durch Abgrabung des angrenzenden Geländes auf das Niveau des Keller­geschoßes, dessen ehemalige Lager damit zu vollwertigen Räumen werden, unter anderem für die Nachmittags­betreuung, die nun einen direkten, niveau­gleichen Zugang in den Park hat. 

Mit diesem Umbau hat die BIG Maßstäbe für intelligentes Bauen im Bestand gesetzt. Es bleibt zu hoffen, dass sich hier eine Schul­gemeinschaft etabliert, die das Potenzial dieser einzig­artigen Anlage zu nutzen weiß.

Christian Kühn

[ aktuell Ausweichquartier des BG 18 Kloster­gasse (in Sanierung), Wien ] Architektur: Franz und Sue ZT GmbH. Bauherrschaft: BIG Bundes­immobilien­gesellschaft m. b. H. Tragwerks­planung: Petz ZT GmbH. Landschafts­architektur: idealice Landschafts­architektur ZT. Art der Vergabe: Verhandlungs­verfahren mit vorheriger Bekannt­machung im Ober­schwellen­bereich. Planungs- und Bauzeit: 2020–2025. Nutzfläche: 7 510 m². Adresse: Wielemansgasse 28, 1180 Wien.