Bildungszentrum Pestalozzi Leoben
Lichtdurchflutete Mitte statt dunkles Herz: Aus über tausend in einer Ideenwerkstatt gemeinsam erarbeiteten Vorschlägen gelang hier die radikale Verwandlung eines denkmalgeschützten, aber räumlich wenig attraktiven Bestands.
Ein eigenartiges Haus: im Grundriss verwinkelt, in der Ornamentik unbeholfen, und dem Mittelrisalit fehlt zur Symmetrie so eindeutig eine Fensterachse, dass es beim längeren Hinsehen wehtut. In den harten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg geplant und 1927 eröffnet, war das Haus ein politisches Statement. Mit einem eigenen neuen Schulgebäude wollte sich Donawitz gegenüber Leoben als eigenständige Gemeinde profilieren. Dabei dürfte man sich übernommen haben: Nicht zuletzt die hohen Kosten des Schulhauses trieben Donawitz in einen Bankrott, der schließlich zur Zusammenlegung mit Leoben führte.
Der Denkmalschutz hat also vor allem sozialgeschichtliche und weniger ästhetische Berechtigung. Die Attraktivität des Gebäudes deutlich zu steigern, ohne seinen Denkmalwert zu gefährden, war daher die zentrale Aufgabe. Nach der Sanierung sollten hier drei verschiedene Schulen nicht nur kostensparend zusammengelegt werden, sondern eine neue Heimat finden: eine Mittelschule, eine Volksschule mit angegliederten sonderpädagogischen Klassen sowie eine Polytechnische Schule.
Die ersten, bereits mit dem Denkmalamt abgestimmten Pläne für eine Sanierung beschränkten sich auf neue Fenster, bessere Wärmedämmung und höhere Standards für die Klassenräume. Die Baudirektion von Leoben erkannte aber in Gesprächen mit den zukünftigen Nutzer:innen, dass dieser Umbau sich nicht auf die Oberflächen beschränken darf. Die Grundlagen für eine radikale Erneuerung wurden in einem umfassenden Partizipationsprozess entwickelt, für den die Gemeinde das Büro nonconform und den Architekten Michael Zinner engagierte. Das Beteiligungsformat, das nonconform für solche Fälle entwickelt hat, nennt sich „Ideenwerkstatt“ und erklärt sich am besten aus seinem Slogan: „In drei Tagen ist alles anders.“
In der Ideenwerkstatt, die 2014 stattfand, erdachten Nutzer:innen und Vertreter:innen der Gemeinde das Projekt unter Anleitung eines achtköpfigen Teams neu, und zwar so radikal, dass es am Ende zur interessantesten Sanierung eines denkmalgeschützten Schulhauses wurde, die es in Österreich in den letzten Jahren gegeben hat. Die Analyse des Ist-Zustands erbrachte erwartungsgemäß ein kritisches Ergebnis. Die Schule hätte ein „dunkles Herz“: Der Punkt, an dem alle Bewegungsströme zusammenlaufen, sei eng und schlecht belichtet. Sie hätte „tote Enden ohne Durchblick“ und das labyrinthische Erschließungssystem erzeuge Angsträume. Außerdem fehlten eine Bibliothek und eine Mensa.


In der Ideenwerkstatt entstanden über tausend Vorschläge als Texte und Skizzen. In drei Tagen kann zwar kein fertiges Projekt entstehen, aber sehr wohl ein Leitbild und einzelne Ideen, die in die weitere Planung integriert werden. Klar war, dass die Schule ein neues Herz bekommen sollte, mit Licht aus allen Richtungen. Voraussetzung dafür waren zahlreiche horizontale und vertikale Durchbrüche im zentralen Gebäudeteil, die das Denkmalamt in Abwägung von Erhaltung und Nutzung klar im Interesse der Nutzer:innen bewilligte. Im ersten Obergeschoß liegen nun alle drei Direktionen nebeneinander, über raumhohe Glaswände für alle Vorübergehenden einsichtig.
Transparenz gibt es auch zwischen Gang und Klassenräumen, aufgrund der dicken Ziegelmauern nicht raumhoch, sondern als kreisrunde Tunnels ausgeführt und mit 80 cm Durchmesser gerade so groß, dass es sich kleinere Kinder in den „Tunnelportalen“, die in den Gang hinausragen, bequem machen können. Alle Klassenräume sind als „Tandemklassen“ ausgeführt, jeweils zwei über zwei Türen miteinander verbunden – ausreichend zur gemeinsamen Gestaltung des Schulalltags ohne Umweg über den Gang. Bibliothek und Mensa bekamen einen Zubau in einem der Höfe, mit Spielterrasse im ersten Stock und einer großen Gartentreppe. Nicht alles wird man unhinterfragt lassen: Ist der Zugang zu den Zentralgarderoben im Keller über massiv geratene Rampenbauwerke vor der Schule wirklich die beste Lösung? Musste man die alten Eingänge tatsächlich sperren, nur weil sie nicht mehr barrierefrei sind, und allen Besucher:innen den Umweg durch den Hof zumuten? Hätte man – statt die Fassade mit einem einheitlichen Beige zu färbeln – deren ursprüngliche Polychromie nicht doch aufnehmen sollen, auch wenn die originalen Farbtöne nicht mehr feststellbar waren? In Anbetracht des insgesamt glücklichen Resultats sind das Nebenthemen. Als gelungene Sanierung eines schwierigen Denkmals hat dieses Projekt Maßstäbe gesetzt.
[ Volksschule, Mittelschule und Polytechnische Schule Pestalozzi, Leoben ] Architektur und Prozessbegleitung Partizipation in „kononymer Autorenschaft“: Forschungsplattform schulRAUMkultur (Michael Zinner) und Büro nonconform. Bauherrschaft: Stadtgemeinde Leoben. Tragwerksplanung: DI Michael Judmayer ZT GmbH. Art der Vergabe: Direktauftrag. Planungs- und Bauzeit: 2013–2016. Nutzfläche: 7 164 m². Adresse: Kerpelystraße 13, 8700 Leoben, Steiermark.