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2016 15 Bildungszentrum Pestalozzi Leoben ← zurück

Bildungszentrum Pestalozzi, Leoben

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Bildungszentrum Pestalozzi Leoben

Lichtdurchflutete Mitte statt dunkles Herz: Aus über tausend in einer Ideenwerk­statt gemeinsam erarbeiteten Vorschlägen gelang hier die radikale Verwandlung eines denkmal­geschützten, aber räumlich wenig attraktiven Bestands.

Ein eigenartiges Haus: im Grundriss verwinkelt, in der Ornamentik unbeholfen, und dem Mittelrisalit fehlt zur Symmetrie so eindeutig eine Fenster­achse, dass es beim längeren Hinsehen wehtut. In den harten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg geplant und 1927 eröffnet, war das Haus ein politisches Statement. Mit einem eigenen neuen Schul­gebäude wollte sich Donawitz gegenüber Leoben als eigen­ständige Gemeinde profilieren. Dabei dürfte man sich übernommen haben: Nicht zuletzt die hohen Kosten des Schul­hauses trieben Donawitz in einen Bankrott, der schließlich zur Zusammen­legung mit Leoben führte. 

Der Denkmalschutz hat also vor allem sozialgeschichtliche und weniger ästhetische Berechtigung. Die Attraktivität des Gebäudes deutlich zu steigern, ohne seinen Denkmalwert zu gefährden, war daher die zentrale Aufgabe. Nach der Sanierung sollten hier drei verschiedene Schulen nicht nur kostensparend zusammen­gelegt werden, sondern eine neue Heimat finden: eine Mittel­schule, eine Volks­schule mit angegliederten sonder­päda­gogischen Klassen sowie eine Polytechnische Schule. 

Die ersten, bereits mit dem Denkmalamt abgestimmten Pläne für eine Sanierung beschränkten sich auf neue Fenster, bessere Wärme­dämmung und höhere Standards für die Klassenräume. Die Baudirektion von Leoben erkannte aber in Gesprächen mit den zukünftigen Nutzer:innen, dass dieser Umbau sich nicht auf die Oberflächen beschränken darf. Die Grundlagen für eine radikale Erneuerung wurden in einem umfassenden entwickelt, für den die Gemeinde das Büro nonconform und den Architekten Michael Zinner engagierte. Das Beteiligungs­format, das nonconform für solche Fälle entwickelt hat, nennt sich „Ideenwerkstatt“ und erklärt sich am besten aus seinem Slogan: „In drei Tagen ist alles anders.“ 

In der Ideenwerkstatt, die 2014 stattfand, erdachten Nutzer:innen und Vertre­ter:innen der Gemeinde das Projekt unter Anleitung eines achtköpfigen Teams neu, und zwar so radikal, dass es am Ende zur interessantesten Sanierung eines denkmal­geschützten Schul­hauses wurde, die es in Österreich in den letzten Jahren gegeben hat. Die Analyse des Ist-Zustands erbrachte erwartungs­gemäß ein kritisches Ergebnis. Die Schule hätte ein „dunkles Herz“: Der Punkt, an dem alle Bewegungs­ströme zusammen­laufen, sei eng und schlecht belichtet. Sie hätte „tote Enden ohne Durchblick“ und das labyrinthische erzeuge Angsträume. Außerdem fehlten eine Bibliothek und eine Mensa.

Grundriss 1. Obergeschoß
Grundriss Erdgeschoß

In der Ideenwerkstatt entstanden über tausend Vorschläge als Texte und Skizzen. In drei Tagen kann zwar kein fertiges Projekt entstehen, aber sehr wohl ein Leitbild und einzelne Ideen, die in die weitere Planung integriert werden. Klar war, dass die Schule ein neues Herz bekommen sollte, mit Licht aus allen Richtungen. Voraussetzung dafür waren zahlreiche horizontale und vertikale Durch­brüche im zentralen Gebäudeteil, die das Denkmalamt in Abwägung von Erhaltung und Nutzung klar im Interesse der Nutzer:innen bewilligte. Im ersten Obergeschoß liegen nun alle drei Direktionen nebeneinander, über raumhohe Glaswände für alle Vorüber­gehenden einsichtig.

Transparenz gibt es auch zwischen Gang und Klassenräumen, aufgrund der dicken Ziegel­mauern nicht raumhoch, sondern als kreisrunde Tunnels ausgeführt und mit 80 cm Durchmesser gerade so groß, dass es sich kleinere Kinder in den „Tunnelportalen“, die in den Gang hinausragen, bequem machen können. Alle Klassenräume sind als „Tandemklassen“ ausgeführt, jeweils zwei über zwei Türen miteinander verbunden – ausreichend zur gemeinsamen Gestaltung des Schulalltags ohne Umweg über den Gang. Bibliothek und Mensa bekamen einen Zubau in einem der Höfe, mit Spielterrasse im ersten Stock und einer großen Gartentreppe. Nicht alles wird man unhinter­fragt lassen: Ist der Zugang zu den Zentral­garderoben im Keller über massiv geratene Rampen­bauwerke vor der Schule wirklich die beste Lösung? Musste man die alten Eingänge tatsächlich sperren, nur weil sie nicht mehr barrierefrei sind, und allen Besucher:innen den Umweg durch den Hof zumuten? Hätte man – statt die Fassade mit einem einheitlichen Beige zu färbeln – deren ursprüngliche Polychromie nicht doch aufnehmen sollen, auch wenn die originalen Farbtöne nicht mehr feststellbar waren? In Anbetracht des insgesamt glücklichen Resultats sind das Neben­themen. Als gelungene Sanierung eines schwierigen Denkmals hat dieses Projekt Maßstäbe gesetzt. 

Christian Kühn

[ Volksschule, Mittelschule und Polytechnische Schule Pestalozzi, Leoben ] Architektur und Prozess­begleitung Partizipation in „kononymer Autorenschaft“: Forschungs­plattform schulRAUMkultur (Michael Zinner) und Büro nonconform. Bauherrschaft: Stadt­gemeinde Leoben. Tragwerks­planung: DI Michael Judmayer ZT GmbH. Art der Vergabe: Direktauftrag. Planungs- und Bauzeit: 2013–2016. Nutzfläche: 7 164 m². Adresse: Kerpelystraße 13, 8700 Leoben, Steiermark.