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2015 12 Landwirtschaftliche Fachschule Güssing ← zurück

Landwirtschaftliche Fachschule, Güssing

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Landwirtschaftliche Fachschule Güssing

Das Lehrgebäude und die Ställe der Land­wirt­schaftlichen Fach­schule Güssing setzen typologisch neue Maßstäbe. Großteils aus Holz, energie­autark und extensiv begrünt, gruppieren sie sich um einen offenen Innenhof und ragen fingerförmig in die Landschaft.

Tiere und Pflanzen sind integrative Bestandteile des Unterrichts einer land­wirt­schaftlichen Fachschule. Der Lehr- und Wirtschafts­betrieb in Güssing ist ein Muster­beispiel dafür. 10 Pferde, 45 bis 50 Rinder, 23 Muttersauen, 50 Hühner, Bienen­zucht, Jagd, Fischerei und – auf insgesamt 107 Hektar – Äcker, Obstbaum- und Natur­schutz­wiesen, darunter 50 Hektar Grünland, bilden das spezifische Lernbiotop. Der neue Lehr- und Wirtschafts­betrieb liegt ein Stück oberhalb der sanierten Bestands­schule, wo der Theorie­unterricht statt­findet. Knapp 20 Lehrende bilden derzeit etwa 70 Schüler:innen zu Land-, Pferde- oder Ökowirt:innen aus – bei Letzteren liegt der Schwer­punkt auf ökologischer Landwirtschaft, was auch alternative Energie­gewinnung beinhaltet. 

Zwei Fachplaner:innen für das Tierwohl zählten zum Planungs­team. „80 Jahre nach der klassischen Moderne haben wir die Moderne auch für Tiere umgesetzt“, sagen die Architekten. Das Gelände ist mit recyceltem Aushub­material so modelliert, dass die fingerförmig um einen offenen Hof angeordneten Ställe zu einem Teil der Landschaft werden. Ihre extensiv begrünten Dächer puffern die Ober­flächen­hitze und speichern Regen­wasser, das in eine Mulde abfließt und von dort gebremst in das öffentliche Kanal­system geleitet wird. 

Ansicht Ost
Grundriss Erdgeschoß

Um den Tieren frische Luft und Auslauf zu bieten, hat das Wirtschaftsgebäude eine offene Trag­struktur aus V-förmigen Holz­stützen und Stab­konstruktionen, durch die der Wind hindurchströmt. Der Material­einsatz folgt konstruktiver Logik: Um das Grund­wasser nicht zu kontaminieren, sind die Böden der Maschinen­hallen und Ställe aus Dichtbeton. Erdanliegende Bauteile sind aus Beton, aufstrebende aus Holz. Das Gründach liegt auf Holz­leim­bindern auf. 

Ein rund 30 Meter langer, 20 Meter breiter, frei geformter, offener Hof mit Baum bildet das Herz der Anlage und die Schnitt­stelle zur Öffentlichkeit: Hier ist die Zufahrt, hier finden Turniere, Schau­reiten und Kutschen­fahrten statt und von hier überblickt man reihum die vier Stall­trakte. Gleich beim Eingang liegt eine luftige, 40 Meter lange Reithalle mit speziellem Belag aus Sand und zerschnittenen Stoff­resten. Auf die für jede Tier­gattung spezifischen Bedürfnisse wird eingegangen: Rinder reagieren empfindlich auf Zugluft, daher können ihre Liege­boxen mit trans­luzenten Planen vor Wind geschützt werden. Pferde wiederum schlafen am besten in der Gesellschaft von anderen Herden­tieren wie Ziegen und Schafen. 

Alle Gebäude sind ringförmig durch das umlaufende Vordach im Hof, unter dem man witterungs­geschützt alle Ställe und das 80 Meter lange Lehr­gebäude erreichen kann, miteinander verbunden. Das Lehr­gebäude bildet eine Flanke gegen den Westwind und beinhaltet einen Seminar­raum mit 5 Meter Raumhöhe sowie Sozial- und Klassenräume, Büros, eine Garderobe mit Schmutz­schleuse und eine Maschinen­halle. Im Nord­westen wird der Komplex von einem Futter­lager ergänzt, zur Energie­gewinnung sind die Dächer teilweise mit Photo­voltaik­paneelen belegt. In ihrem ganzheitlich nachhaltigen Umgang mit Landschaft, Ressourcen, Pflanzen und Tieren sowie der Qualität der Lernräume vermittelt die Architektur die Haltung der Schule ganz unmittelbar.

Isabella Marboe

[ Landwirtschaftliche Fachschule Güssing ] Architektur: Pichler & Traupmann Architekten ZT GmbH. Bauherrschaft: BELIG Beteiligungs- und Liegen­schafts-GmbH, im Auftrag des Landes Burgenland. Tragwerks­planung: RWT Plus ZT GmbH. Art der Vergabe: Geladener Realisierungs­wettbewerb. Planungs- und Bauzeit: 2013–2015. Nutzfläche: 3 097 m². Adresse: Stremtalstraße 19, 7540 Güssing, Burgenland.