Landwirtschaftliche Fachschule Güssing
Das Lehrgebäude und die Ställe der Landwirtschaftlichen Fachschule Güssing setzen typologisch neue Maßstäbe. Großteils aus Holz, energieautark und extensiv begrünt, gruppieren sie sich um einen offenen Innenhof und ragen fingerförmig in die Landschaft.
Tiere und Pflanzen sind integrative Bestandteile des Unterrichts einer landwirtschaftlichen Fachschule. Der Lehr- und Wirtschaftsbetrieb in Güssing ist ein Musterbeispiel dafür. 10 Pferde, 45 bis 50 Rinder, 23 Muttersauen, 50 Hühner, Bienenzucht, Jagd, Fischerei und – auf insgesamt 107 Hektar – Äcker, Obstbaum- und Naturschutzwiesen, darunter 50 Hektar Grünland, bilden das spezifische Lernbiotop. Der neue Lehr- und Wirtschaftsbetrieb liegt ein Stück oberhalb der sanierten Bestandsschule, wo der Theorieunterricht stattfindet. Knapp 20 Lehrende bilden derzeit etwa 70 Schüler:innen zu Land-, Pferde- oder Ökowirt:innen aus – bei Letzteren liegt der Schwerpunkt auf ökologischer Landwirtschaft, was auch alternative Energiegewinnung beinhaltet.
Zwei Fachplaner:innen für das Tierwohl zählten zum Planungsteam. „80 Jahre nach der klassischen Moderne haben wir die Moderne auch für Tiere umgesetzt“, sagen die Architekten. Das Gelände ist mit recyceltem Aushubmaterial so modelliert, dass die fingerförmig um einen offenen Hof angeordneten Ställe zu einem Teil der Landschaft werden. Ihre extensiv begrünten Dächer puffern die Oberflächenhitze und speichern Regenwasser, das in eine Mulde abfließt und von dort gebremst in das öffentliche Kanalsystem geleitet wird.


Um den Tieren frische Luft und Auslauf zu bieten, hat das Wirtschaftsgebäude eine offene Tragstruktur aus V-förmigen Holzstützen und Stabkonstruktionen, durch die der Wind hindurchströmt. Der Materialeinsatz folgt konstruktiver Logik: Um das Grundwasser nicht zu kontaminieren, sind die Böden der Maschinenhallen und Ställe aus Dichtbeton. Erdanliegende Bauteile sind aus Beton, aufstrebende aus Holz. Das Gründach liegt auf Holzleimbindern auf.
Ein rund 30 Meter langer, 20 Meter breiter, frei geformter, offener Hof mit Baum bildet das Herz der Anlage und die Schnittstelle zur Öffentlichkeit: Hier ist die Zufahrt, hier finden Turniere, Schaureiten und Kutschenfahrten statt und von hier überblickt man reihum die vier Stalltrakte. Gleich beim Eingang liegt eine luftige, 40 Meter lange Reithalle mit speziellem Belag aus Sand und zerschnittenen Stoffresten. Auf die für jede Tiergattung spezifischen Bedürfnisse wird eingegangen: Rinder reagieren empfindlich auf Zugluft, daher können ihre Liegeboxen mit transluzenten Planen vor Wind geschützt werden. Pferde wiederum schlafen am besten in der Gesellschaft von anderen Herdentieren wie Ziegen und Schafen.
Alle Gebäude sind ringförmig durch das umlaufende Vordach im Hof, unter dem man witterungsgeschützt alle Ställe und das 80 Meter lange Lehrgebäude erreichen kann, miteinander verbunden. Das Lehrgebäude bildet eine Flanke gegen den Westwind und beinhaltet einen Seminarraum mit 5 Meter Raumhöhe sowie Sozial- und Klassenräume, Büros, eine Garderobe mit Schmutzschleuse und eine Maschinenhalle. Im Nordwesten wird der Komplex von einem Futterlager ergänzt, zur Energiegewinnung sind die Dächer teilweise mit Photovoltaikpaneelen belegt. In ihrem ganzheitlich nachhaltigen Umgang mit Landschaft, Ressourcen, Pflanzen und Tieren sowie der Qualität der Lernräume vermittelt die Architektur die Haltung der Schule ganz unmittelbar.
[ Landwirtschaftliche Fachschule Güssing ] Architektur: Pichler & Traupmann Architekten ZT GmbH. Bauherrschaft: BELIG Beteiligungs- und Liegenschafts-GmbH, im Auftrag des Landes Burgenland. Tragwerksplanung: RWT Plus ZT GmbH. Art der Vergabe: Geladener Realisierungswettbewerb. Planungs- und Bauzeit: 2013–2015. Nutzfläche: 3 097 m². Adresse: Stremtalstraße 19, 7540 Güssing, Burgenland.