Bildungscampus Nüziders
Drei Mal im Zeitraum von über 60 Jahren die richtige Antwort auf die Frage nach der zeitgemäßen Schularchitektur zu finden, ist eine besondere Leistung. Statt Abriss und Neubau gelang hier eine Transformation des Bestands mit Erweiterung um einen Hof ohne Boden.
Gute Architektur ist dauerhaft. Das trifft auch für die Volksschule in Nüziders zu, deren erste Baustufe auf den Anfang der 1960er-Jahre zurückgeht. Der Entwurf stammte von zwei jungen Teams, die bei einem Architekturwettbewerb ex aequo den zweiten Platz belegt hatten und von der Jury dazu ermuntert wurden, ein gemeinsames Projekt zu entwickeln. Was unter den heutigen strikten Vergaberichtlinien nur sehr schwer vorstellbar ist, endete als Erfolgsgeschichte. Die vier jungen Architekten, die damals die Architektengruppe C4 gründeten, wurden zu Pionieren des Neuen Bauens in Vorarlberg.
Die Volksschule Nüziders war in ihrer ursprünglichen Form ein Projekt wie aus dem Lehrbuch des funktionalistischen, am internationalen Stil orientierten Bauens: ein tragendes Gerüst aus Sichtbeton, ausgefacht mit Sichtziegelmauerwerk und viel Glas, um Licht, Luft und Sonne ins Haus zu holen. Lichtbänder in der Dachkonstruktion sorgen für eine beidseitige Belichtung der Klassenräume. So sollten gleiche Bedingungen für alle geschaffen werden. Die Klassenräume gruppieren sich U-förmig um einen lang gestreckten Hof, der so ins Gelände gesetzt ist, dass ein teilweise belichtetes Untergeschoß entsteht.
Nichts an diesem Bauwerk erinnert an das, was man sich im Vorarlberg der 1960er-Jahre unter einem Schulhaus vorstellte, umso mehr Respekt muss man auch den politischen Akteur:innen zollen, die hinter diesem Projekt und einigen Nachfolgebauten von C4 standen. Die Betonung der horizontalen Linie war auch ein Statement für eine moderne, egalitäre Gesellschaft, wofür man gerne auf das heimatliche Steildach verzichtete. Als Ersatz hatte man Besseres anzubieten: die Bergmassive, die über der horizontalen Dachlinie besonders spektakulär aufragen und visuell mit der Architektur verschmelzen.
Eine erste umfangreichere Sanierung und Erweiterung erfuhr das Gebäude Anfang der 1980er-Jahre. Dabei ging es einerseits um die energetische Ertüchtigung des Altbaus, andererseits um die Schaffung zusätzlicher Klassenräume. Statt einer konventionellen Aufstockung, die den Bestand erdrückt hätte, entschied man sich für eine Brückenkonstruktion, die die offene Seite des Hofs überspannt, ohne den Bestand zu berühren. Die Erschließung dieses schwebenden Baukörpers erfolgt über zwei neue, einläufige Treppen. Im ersten Obergeschoß entstand ein verglaster Korridor, an dem die Klassenzimmer aufgereiht sind.
Als die Gemeinde knapp 20 Jahre später wieder über ihre Volkschule nachdachte, hatten sich die Zeiten geändert. Auch eine schön gestaltete Gangschule mit weitem Blick in die Landschaft bleibt eine Gangschule. Und so kamen alternative Anforderungen ins Raumprogramm der Erweiterung: eine Gliederung in vier Cluster zu je drei Klassenräumen mit gemeinsamer Mitte, die hier nicht Marktplatz, sondern Forum heißt; dazu die Idee eines gemeinsamen Herzens für die ganze Schule, das ein Auseinanderfallen der Schulgemeinschaft verhindert.
Die im Erdgeschoß, um den Hof gruppierten Trakte aus den 1960er-Jahren wurden der Schulverwaltung und einem neuen Kindergarten zugeschlagen und saniert. Die eigentliche Herausforderung war der Umgang mit dem schwebenden Riegel aus den 1980er-Jahren: Stand er der Entwicklung im Weg oder ließ er sich intelligent umnutzen?



Die Antwort, die hier gefunden wurde, ist ebenso überraschend wie folgerichtig. Der schwebende Riegel erweitert sich zu einer schwebenden Box mit Innenhof, die das Raumprogramm der Volksschule aufnimmt. Die Klassenzimmer im Riegel bleiben erhalten; der verglaste Gang macht Platz für eine gemeinsame, um einen Innenhof angelegte, offene Lernzone. Dass dieser Hof in der Luft schwebt und dadurch keinen festen Boden unter den Füßen bietet, lässt sich verkraften: Über die zentrale Treppe ist der Freiraum schnell erreicht, und für kurze Pausen gibt es eine Terrasse, die über die volle Breite des Innenhofs reicht. Im Erdgeschoß liegen ein Foyer, ein Mehrzweckraum und die Zentralgarderobe; im Untergeschoß eine Sporthalle, deren Kletterwand über einen Luftraum bis ins Eingangsgeschoß reicht.
Die dominierenden Materialien in den Innenräumen sind Sichtbeton, Holz und Sichtziegel als Reminiszenz an den Ursprungsbau. Gespart wurde hier nicht, weder beim Raumangebot noch bei der Ausführung. Wenn Vorarlberg sein Ziel erreicht, bis 2035 Österreichs „chancenreichster Lebensraum für Kinder“ zu werden, haben Schulen wie diese dazu wesentlich beigetragen.
[ Kindergarten, Volksschule und Musikschule Nüziders ] Architektur: Fink Thurnher Architekten ZT GmbH (Ursprungsbau 1959–1963: Architektengruppe C4, Sanierung und Erweiterung 2002–2004: Bruno Spagolla Architekt. Bauherrschaft: Gemeinde Nüziders. Tragwerksplanung: Mader | Flatz | Schett | ZT GmbH. Landschaftsarchitektur: Cukrowicz Landschaften GmbH. Art der Vergabe: Nicht offener, einstufiger Realisierungswettbewerb im Oberschwellenbereich. Planungs- und Bauzeit: 2017–2021. Nutzfläche: 5 300 m². Adresse: Schulgasse 10, 6714 Nüziders, Vorarlberg.