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Schulcampus, Neustift im Stubaital

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Schulcampus Neustift im Stubaital

Dass Sport in dieser Schule eine wichtige Rolle spielt, ist offensichtlich. Die Archi­tektur drückt eine Freude an der Bewegung aus, die den sportlichen Nach­wuchs, der hier trainiert, zu Spitzen­leistungen anregen soll.

Die Gemeinde Neustift im Tiroler Stubaital ist ein Hotspot des Tourismus mit knapp 5 000 Einwoh­ner:innen, über einer Million Nächtigungen pro Jahr und entsprechendem Baubudget. Das neue Schul­zentrum besteht aus mehreren Institutionen, die bisher an unter­schiedlichen Standorten untergebracht waren. Wie bei zahlreichen Neubauten üblich, sind hier Volks­schule, Mittel­schule und Poly­technische Schule kombiniert, ergänzt um die Besonderheit einer Ski-Mittelschule mit angeschlossenem Internat. Ein ausreichend großes Grund­stück, um die diversen Institutionen an einem Standort zu vereinen, fand sich im Ortsteil Kampl: 12 000 Quadrat­meter in Hanglage, auf denen ebenso viele Quadratmeter Brutto­geschoß­fläche unterzubringen waren. 

Nach einem intensiven Beteiligungs­prozess mit den Nutzer:innen, bei dem die Aufgaben­stellung präzisiert wurde, schrieb die Gemeinde einen aus. Interessierte Büros mussten sich mit einem Text über ihre Sicht auf die „Schule der Zukunft“ und zwei realisierten Referenz­projekten, die ihre Kompetenz im „maßstäblichen und landschafts­bezogenen Bauen“ belegen sollten, bewerben. Aus über 90 Büros wählte die Jury 32 zur Teilnahme aus. 

Das Siegerprojekt ragte aus den Einreichungen so weit hervor, dass die Jury keinen zweiten, sondern nur zwei dritte Preise vergab. Diese Drittgereihten waren durchaus respektable Entwürfe, die allerdings mit einem Aspekt der Aufgabe nicht zurechtkamen: dem „maßstäblichen und landschafts­bezogenen Bauen“. Denn jeder Versuch, das geforderte Volumen in einzelnen Baukörpern auf dem knappen Grundstück zu platzieren, führt – wie diese Wettbewerbs­beiträge zeigten – an diesem Ort zu einem Maßstabs­sprung, der den Dialog mit der Landschaft und der bestehenden Bebauung unmöglich macht.

Grundriss 1. Obergeschoß

Das siegreiche Büro wählte dagegen einen radikal anderen Weg: Es überbaut das gesamte Grundstück mit einer eingeschoßigen, teppich­artigen Struktur mit eingeschnittenen Höfen und nur zwei größeren Baukörpern ganz an den Enden des Grundstücks: der schwebenden Box der Volks­schule oben an der Haupt­straße und dem Internats­gebäude am unteren Ende, das als kleiner Turm selbst­bewusst in der Landschaft steht. Verbunden wird das alles durch eine innere Straße, eine Art Rückgrat der Anlage, die der Fall­linie des Hangs folgt und die Niveaus mit Rampen und Treppen verbindet. Diesem inneren Weg entspricht ein äußerer, der über begrünte Dächer führt und an der oberen Hangkante in einer breiten endet, die im Ober­geschoß der Volks­schule in eine Terrasse übergeht und zu einem weiten Blick ins Tal einlädt.

Die Lernlandschaft im Inneren hat viele besondere Orte anzubieten. Unter der schwebenden Box der Volks­schule liegt eine tief in den Hang eingegrabene Dreifach­sporthalle, die räumlich nicht abgeschottet ist, sondern mit der Eingangs­halle der Schule kommuniziert und sich von dort zusätzlich Licht holt. Die Volks­schulbox nimmt im Obergeschoß zwei mit je vier Klassen­räumen auf, die durch groß­flächige Verglasungen fast wie ein Großraum wirken. 

Schnitt
Grundriss Erdgeschoß

Auch das Raumangebot in der Mittelschule ist in Cluster gegliedert, die finger­förmig von der Haupt­achse abzweigen, je drei an jeder Seite. Diese Cluster bestehen aus einem dieser Haupt­achse zugeordneten Vorbereich, der in eine führt, an die wiederum drei Klassen­räume sowie zwei kleinere Teamräume und eine Freiklasse anschließen. Damit ergeben sich zahlreiche Möglich­keiten für die päda­gogische Arbeit. Licht kommt von den lang gestreckten Innen­höfen zwischen den Clustern und an neuralgischen Punkten zusätzlich von oben, etwa im Bereich der offenen Lernlandschaft. Brand­schutz­technisch wird diese Offenheit durch eine Sprinkler­anlage ermöglicht. 

Die Grundidee mit den beiden Hochpunkten – Volksschule und Internatsturm – und der kammartigen Struktur dazwischen hätte auch sehr pragmatisch umgesetzt werden können. Ihre Wirkung entfaltet sie erst durch die Ausarbeitung im Detail, vor allem durch das raffinierte, aus dem Zuschnitt des Grund­stücks abgeleitete geometrische Konzept, das die Baukörper durch seitliche Verschiebung zum Tanzen bringt. So gelingt es, dem Grundriss alles Schematische zu nehmen und das Haus mit seinen begrünten Dächern und Höfen tatsächlich wie ein Stück Natur wirken zu lassen.

Christian Kühn

[ Volksschule, Mittelschule, Skimittel­schule mit Internat und Poly­technische Schule Neustift im Stubaital ] Architektur: fasch&fuchs.architekten. Bauherrschaft: Gemeinde Neustift im Stubaital (Schule), Verein Schülerheim Ski-Mittelschule Neustift, Amt der Tiroler Landes­regierung, Abteilung Sport (Ski-Trainingszentrum). Tragwerks­planung: Werkraum Ingenieure ZT GmbH. Farbgestaltung: Hanna Schimek und Gustav Deutsch. Prozess­begleitung Partizipation: raum.wert.schule – Ursula Spannberger. Art der Vergabe: Nicht offener, einstufiger Realisierungs­wettbewerb im Ober­schwellen­bereich. Planungs- und Bauzeit: 2013–2019. Nutzfläche: 8 805 m² (Schule: 6 902 m²; Ski-Trainings­zentrum: 1 903 m²). Adresse: Stubaitalstraße 8 (Schule), Habichtsgasse 1 (Ski-Trainingszentrum), 6167 Neustift im Stubaital, Tirol.